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Die Drei 4 / 2002
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Ursprung des Denkens
Karl R. Popper: Die Welt des Parmenides. Der Ursprung europäischen Denkens. Piper Verlag, München 2001. 480 Seiten, 35,28 EUR.
Die abendländische Philosophie begann im sechsten Jahrhundert v. Chr. damit, dass ihre ersten Denker die Welt elementar-stofflich erklärten: Thales sah im »Wasser« den Grund aller Dinge, Anaximander ihn im Weltenäther, im »Unbegrenzten«, Anaximenes diesen in der »Luft« und Heraklit fand ihn im »ewigen Werden des Feuers«. Die Weltbilder dieser Naturphilosophen strahlten noch wesentlich eine jeweilige Stimmung aus. Schon ein Jahrhundert später erwachte in Xenophanes, Zenon und vor allem in Parmenides ein ganz anderes Denken.
Dieses Denken richtete sich auf den Verstand und die Sinneserfahrung des Menschen, auf die Erkenntnis selbst. Parmenides’ Weltanschauung beschreibt zwei Wege, einen Weg der Wahrheit und einen Weg der menschlichen Vermutungen, bzw. der Meinungen. Der Weg der Wahrheit oder des wahren Wissens ist, anknüpfend an die Tradition der Vorläufer Parmenides’, üblicherweise den Göttern vorbehalten; der Weg der Vermutungen führt in die Welt der Erscheinungen, wie sie die Sterblichen erleben. Im ersten Teil, dem Weg der Wahrheit, macht Parmenides höchst überraschende Aussagen: Er stellt eine Theorie des Erkennens auf, wonach wir unserer sinnlichen Welterfahrung nicht trauen dürfen, sondern allein dem denkenden Verstand; nur dieser kann das wahre Wissen erlangen. Seine Weltsicht ist in einem großen Lehrgedicht, abgefasst in Hexametern, überliefert. Es ist eine Offenbarung der Göttin (wahrscheinlich meint er Dike, die Göttin der Gerechtigkeit), der sogleich eine bestimmte Logik anhaftet: »Niemals kann sich erweisen, dass Dinge sind, die nicht sind. / Halt den Gedanken fern von solch einem Wege der Forschung! / Lass nicht die vielerfahr’ne Gewohnheit dich dorthin verführen! / Nicht dem geblendeten Auge, dem tauben Gehör noch der Zunge / Darfst du vertrauen: Allein durch Vernunft entscheide die These / Die so häufig umstritten und von mir hier widerlegt wird.« Aus dieser ersten Aussage, dass die Sinne für die Erkenntnis der Wahrheit unbrauchbar sind, folgert die Göttin anhand eines Beweises eine zweite, die noch mehr überrascht: Die Welt ist eine bewegungslose, kugelförmige Masse, in der nichts geschieht. Wie konnte nun Parmenides, der als Astronom erfolgreiche empirische Entdeckungen gemacht hatte, diese Gedankenfolge für sich vertreten?
An dieser Stelle setzt Karl Popper ein, um das Problem zu lösen, warum Parmenides sich gewissermaßen gegen die Erkenntnismöglichkeiten stellte, die er für die Astronomie selbst angewendet hatte. Er hatte nämlich als erster beobachtet, dass der zu- und abnehmende Mond als Bewegung eine Sinnestäuschung ist. Stattdessen spielt das Licht auf seinem finsteren, unbeweglichen Körper. Die Mondphasen sind das Erscheinungsbild einer mehr oder weniger beleuchteten Mondkugel. Popper bietet einen Lösungsvorschlag an: »Was aber ist Licht? Es ist kein Ding, keine Materie. ... Es ist bloße Erscheinung, die lediglich unsere Sinne reizt, unsere Augen. Es besitzt keine Wirklichkeit, keine reale Existenz. ... Unseren Sinnen dürfen wir nicht trauen. Sie führen uns zu unmöglichen Vermutungen. Wir beobachten deutlich eine Bewegung, wo keine ist.«
Es ist Poppers historische Hypothese, dass Parmenides dies in einer großen intellektuellen Erleuchtung erkannte. Parmenides verallgemeinerte seine Erkenntnis dahingehend, dass die Welt eine dunkle Kugel von dichter Materie ist und führte einen Beweis dafür durch. Popper fasst diesen Beweis (verkürzt) zusammen: »1. Nur das Seiende ist (nur, was ist, ist). 2. Das Nichts, das Nicht-Sein, existiert nicht. 3. Das Nicht-Sein wäre die Abwesenheit von Sein: Es wäre das Leere. 4. Das Leere kann es nicht geben. 5. Die Welt ist voll: ein Block. 6. Bewegung ist unmöglich.« Parmenides vollzog eine deduktive, rein logische Beweisführung, die eigentlich eine Unmöglichkeit für die Wirklichkeit darstellte und doch in sich wahr und schlüssig war. Dass dieser rein rationalistische, anti-sensualistische Erkenntnisansatz schon im Frühstadium philosophischen Denkens formuliert wurde, befremdete viele Denker der nachfolgenden Jahrhunderte. So sprach z.B. Nietzsche, der eigentlich leidenschaftlich mit den Vorsokratikern verbunden war, vom »eisigen Abstraktions-Schauer« des parmenideischen Denkens. Popper aber sieht in Parmenides’ Denkleistung eine »verblüffende Mischung aus unerhörter Theorie und wunderbar einfacher und intuitiv überzeugender Beweisführung«, ja er nennt ihn »einen der größten Denker, die es je gegeben hat, der das ehrgeizigste, kühnste und erstaunlichste System aller Zeiten schuf.«
Karl Popper (1902 – 1992) hatte bereits als Sechzehnjähriger die erste Begegnung mit dem Epos des Parmenides. Es war ein bestimmter Abschnitt darin, der sogleich seine Bewunderung und Zuneigung auslöste. In Versen voller Poesie spricht die Mondgöttin Selene zum Sonnengott Helios: »Leuchtend bei Nacht mit / Dem Licht, das er schenkt, / So umirrt sie die Erde. / Immerzu blickt sie gebannt / Hin auf den strahlenden Gott.« Ein mythisches Bild war der Auslöser eines siebzig Jahre währenden Ringens mit der ersten Erkenntnistheorie der Philosophiegeschichte! Parmenides hat mit seinem großen kosmologischen Gedicht das erste deduktive System der Wissenschaftsgeschichte geschaffen. Popper findet in diesem einen Ursprung europäischen Denkens. Insofern rechtfertigt sich der Untertitel der deutschen Übersetzung in der posthum erschienenen Aufsatzsammlung. Ihr »subtitle« im englischen Original spricht dagegen von einer ersten »Aufklärung« in der Geschichte: »Essays on the Presocratic Enligthenment.« Damit wird auch auf die anderen (hier nicht besprochenen) Vorsokratiker gedeutet. Popper würdigt sie mit seiner einprägsamen, klaren Sprache. Seine Lesart des Rationalismus des Parmenides ist in all seinen Konsequenzen ein weit ausladendes philosophisches System, das wohl nur der ausdauernde Denker gewillt ist, mitzuvollziehen.
Daniel Hartmann