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Die Drei 4 / 2002
Buchbesprechung
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Die Musik ist meine Rettung
Michael Kurtz: Sofia Gubaidulina. Eine Biographie. Mit einem Geleitwort von Mstislaw Rostropowitsch. Urachhaus Verlag, Stutttgart 2001. 416 Seiten, zahlreiche, z.T. farbige Abb., mit Notenbeispielen und Skizzen, Werkverzeichnis und Diskographie, 37 EUR.
Zu ihrem siebzigsten Geburtstag am 24. Oktober 2001 bekam die russische Komponistin mit griechischem Vor- und tatarischem Nachnamen ihre Biografie in Buchform geschenkt. Der Autor Michael Kurtz hatte bereits zehn Jahre zuvor damit begonnen, sich dem Leben und Werk von Sofia Gubaidulina, die seit 1991 in Deutschland lebt, zu nähern. Das Erstaunliche an diesem Lebenslauf ist, dass innere und äußere Ereignisse ihres Lebens immer in einem unauflöslichen Zusammenhang standen, ja miteinander korrespondierten. Die Widerstände, unter denen ihre Kunst reifen musste, waren – wie bei allen großen russischen Künstlern – enorm und kaum zu lösen. Es gab kein Entrinnen. Erlösung aus dem Spannungszustand der Polaritäten konnte immer nur punktuell geschehen, in einer anderen Dimension, im künstlerischen Tun. Davon wussten auch Achmatowa und Zwetajewa, jene Dichterinnen, die die russische Poesie des 20. Jahrhunderts und damit das Bild von der weiblichen Künstlerschaft wesentlich prägten. Gubaidulina, die sich beiden Frauen geistig verwandt fühlt, ist die Dritte im Bunde. Sie hat diesem Bild neue Schattierungen und damit Tiefe verliehen, die es für das 21. Jahrhundert braucht. »Was ist typisch männlich und was ist typisch weiblich? In mir finde ich eine sehr ausgeprägte Weiblichkeit. … Ich erinnere mich, wie es mir als junger Mensch ging. Es war für mich sehr schwer, meine Gedanken in Worten zu formulieren. … Alle meine Gedanken hatte ich gleichzeitig in mir, sie bildeten einen vertikalen Gedankenbau. … Ein Mann hat es einfach und klar, er hat eine horizontale Linie in seinen Gedanken. … Mein Bewusstsein hat viel Dunkles in sich. … Und mein vertikales Denken stammt aus meiner weiblichen Natur. Nur mit großer Selbstüberwindung habe ich gelernt, mich in der obersten Schicht meiner Vertikalität zu konzentrieren. … Das Vertikale muss in ein Horizontales verwandelt werden. Erst danach habe ich gelernt, überhaupt richtig zu leben.«
Der aufmerksame Leser wird in der Biografie von Sofia Gubaidulina entdecken, dass das Ringen dieser Frau auch den schöpferischen Prozess der Komponistin widerspiegelt und er wird verstehen, was sie mit ihrem künstlerischen Credo, das sie die »Verwandlung der Zeit« nennt, zum Ausdruck bringen möchte: »Es ist jedesmal eine Kreuzigung für mich, eine Komposition Stück für Stück auf das Papier zu bringen. Denn das eigentliche Musikalische ist ja ein Innenerlebnis.«
Zwischen innen und außen – so scheint es – waren die Grenzen schon seit frühester Kindheit durchlässig. »Mein Schicksal wollte es , dass ich zur Hälfte Tatarin, zur Hälfte Russin bin ... das Schicksal hat die Karten verteilt und man muss sie annehmen.« Dennoch hat sich die Komponistin Sofia Gubaidulina auf nationaler Ebene nie mit Tataren oder Russen identifiziert. Zwar verbrachte sie die ersten dreiundzwanzig Jahre ihres Lebens in Tatarstan, vereinigte aber in sich vier kulturelle Ströme. Juden waren ihre ersten Musiklehrer. Die deutsche Kultur inspirierte sie mit ihren musikalischen und literarischen Einflüssen. Aufgewachsen ist sie in einem russisch sprechenden Elternhaus, in dessen Umgebung auch immer das tatarische Element ihrer väterlichen Vorfahren lebte. Nicht ohne Stolz und Hochachtung erzählt sie von ihrem Großvater, der eine moslemische Hochschulbildung in Buchara erhalten hatte, neben Tatarisch und Russisch auch Arabisch, Türkisch und Usbekisch sprach. Er hatte vor allem die Gabe, seinen hohen geistigen Anspruch – er gründete die »Gesellschaft progressiver Moslems« – mit dem weltlichen Bereich zu vereinen. Vom Vater, ein selbstloser Idealist, der sich mit religiöser Hingabe und vollem Einsatz seiner physischen Kräfte einer Aufgabe widmen konnte, lernte sie, das Unmögliche zu wagen. »Ich fühle immer und überall, dass auch ich mir ein Ziel gesetzt habe, das über meine Kräfte geht.«
Das fünfte Lebensjahr darf als Ouvertüre ihrer Schicksalssymphonie gelesen werden, in der bereits alles anklingt, was sich im Laufe ihres weiteren Lebens entfalten wird. Die äußere Welt ihrer Kindheit war begrenzt durch einen Hinterhof mit Schuppen und Abfallhaufen. »Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich auf dem völlig kahlen Hof saß und in den Himmel schaute – und dort zu leben begann. Die Erde verschwand irgendwohin und ich ging gleichsam den Himmel entlang.« Dort betete sie auch. Bei Bekannten auf dem Lande sah sie erstmals eine Ikone. Das Kind empfand eine Korrespondenz zwischen ihren Gebeten und der Ikone, was die Eltern erschreckte.
»Das war doch verboten! So habe ich also meine psychologisch religiöse Erfahrung vor den Erwachsenen verborgen. Aber sie lebte in mir weiter. Und die Musik hat sich auf natürliche Weise mit der Religion verbunden, der Klang wurde für mich zu etwas Sakralem.« Dann gab es da noch einen Jungen auf dem Hinterhof, der ihrem kindlichen Alltag den Himmel auf die Erde holte. Er galt als Dummkopf und wurde gehänselt. Aber er spielte Akkordeon. Und sein Talent war beachtlich. Zunächst lauschte die fünfjährige Sofia wie verzaubert, dann begann sie, einem unbewussten Impuls folgend, zu tanzen. Einer Babuschka fiel die Begabung des tanzenden Mädchens auf und sie sprach mit der Mutter. Diese ließ das musikalische Talent der Tochter testen und sie erhielt Klavierunterricht. Wenig später wurde sie dem Direktor einer Musikschule vorgestellt. »Alles war gut, nur das Alter stimmte nicht – erst fünf Jahre. Da verspürte ich plötzlich eine schreckliche Gefahr. Ein ganzes Jahr zu warten, stellte sich mir in jener Zeit als Katastrophe dar. Ich klammerte mich an die Hose des Direktors und flehte ihn mit Tränen in den Augen an, dass man mich aufnehmen möge. Ich erinnere mich sehr genau: das Leben hing an einem Fädchen. Vielleicht war dieser Augenblick für mich deshalb so dramatisch, weil ich schon damals wusste: Die Musik ist meine Rettung.«
Mit diesem Wissen durchläuft sie zunächst eine Musikschule, spielt neben den russischen Klassikern vor allem Bach, Mozart und Beethoven, studiert Klavier am Konservatorium in Kasan, entscheidet sich dann für das Eigene, das Komponieren. Der Leser mag dann nachvollziehen, wie schwer es für Sofia Gubaidulina war, sich als Komponistin zu behaupten, auch dann noch, als sie längst im Ausland berühmt und anerkannt war. Er mag auch entdeckten, dass ihr künstlerischer Weg eng mit ihrer Selbstfindung als Frau und Mutter verknüpft ist. Ihre Kunst hat etwas Leibhaftiges an sich, im Sinne von existentiell, unbedingt, wahrhaftig. Das spricht auch aus den zahlreichen Beschreibungen ihrer Persönlichkeit von Musikern aus dem In- und Ausland, denen sie begegnet ist, die sie geprägt, ermutigt und inspiriert haben. Das bekannte Violinkonzert »Offertorium« zum Beispiel komponierte sie nach einer zufälligen gemeinsamen Taxifahrt mit dem Violoncisten Gidon Kremer durch das winterliche Moskau. »Detto II« war ein Auftragswerk der Cellistin Natalja Schachowskaja. Der Cellist Wladimir Toncha bat sie um die »Sieben Worte«. Ein Kompositionsauftrag der Internationalen Bachakademie Stuttgart anlässlich des 250. Geburtstages Johann Sebastian Bachs schließlich weckte einen tief in ihr schlummernden Lebenstraum: religiöses und musikalisches Empfinden in ein unauflösliches Drittes zu erheben. Sie schrieb die Johannes-Passion. Einerseits fühlte sie sich dem Passions-Schaffen des Thomaskantors auf geheimnisvolle Weise verbunden, andererseits sprach das Johannesevangelium ihr innerstes Wesen an. »Ich liebe Jesus, so wie ihn Johannes sieht.«
Dem Autor ist es gelungen, das Werden einer zeitgenössischen Künstlerin als einen Leidensweg darzustellen, indem er auch einen Panoramablick auf die jeweiligen Macht- und Zeitverhältnisse des Sowjetstaates wirft, mit denen Sofia Gubaidulina zeitgleich zu leben hatte. Darüberhinaus vermittelt Michael Kurtz sein umfassendes Wissen über die russische Musik der sechziger bis neunziger Jahre. Der Anhang mit Zeittafel, Werkverzeichnis, Literarturangaben und Namensregister bietet zusätzlich wertvolle Details an.
Karin Haferland