|
Themen |
|
| Heft bestellen! | Startseite |
|
Masao Naka »Jetzt eben ist die Bogensehne mitten durch Sie hindurchgegangen« Gegensätze und Rätsel im modernen Japan
Die grauen und die schrillen Töne
Das traditionelle japanische Kleidungsstück ist der Kimono. Sein Stoff wird vorwiegend in Grautönen gefärbt. Eine Färbemeisterin für Kimonostoff, Fukumi Shimura, hat die japanische Farbtradition in folgenden Worten erklärt: »Es gibt viele Farbnuancen im Grau für Kimonostoff, mindestens hundert, sogar noch mehr, und jedes Grau hat seinen speziellen Namen.« Diese Namen klingen alle poetisch: Nebelgrau, Grau der Dämmerung, Mausgrau, Aschengrau. Die Farbausstrahlung des Kimonos tritt also mit wenigen Ausnahmen gedämpft auf. Außer Grau gibt es zwar auch andere Farben, aber sie tragen immer einen Grauton in sich. Diese fast nebelhaft gedämpften Töne von Beige, gräulichem Braun, Graugrün, gedämpftem Orange sind in Japan sehr beliebt. Das gilt nicht nur für die ältere Generation, die sehr viel Kimono trägt, sondern auch für die neue junge Generation, die im westlichen Stil gekleidet ist. Nun kauft sich ein Europäer in Japan einen Schal in einem solchen Farbton, weil er im japanischen Farbzusammenhang wunderschön aussieht, und er bringt ihn nach Hause. Dort erlebt er eine Enttäuschung, denn diese Farbe wirkt unter dem europäischen Licht nicht so schön wie in Japan. Diese Grautöne kommen in Europa nicht an, sie wirken düster und traurig. Wenn die Farbe ein Ausdruck der Seele ist, dann drückt sich die Tendenz und die Eigentümlichkeit der japanischen Seele also in Grautönen aus. So fragt man sich: Sind die Japaner düstere und traurige Menschen? Die Japaner empfinden sie weder düster noch traurig, sie fühlen sich in diesen Grautönen sehr wohl, weil sie darin Stille und Ruhe erleben können. Es gibt allerdings auch in Japan hin und wieder knallige Farben, die durch die westliche Zivilisation dorthin gekommen sind. Wer inmitten eines Einkaufsviertels in Tokio steht und um sich schaut, dem fallen solche schrillen Farben inmitten der Grautöne gleich auf. Es sind die Farben der Reklamebilder, des leuchtenden Neonlichtes oder auch der Bekleidung der Sportler: Knallrot, hell leuchtendes Blau, ausstrahlendes Gelb, Knallorange, helles Violett. Sie leuchten hell und fröhlich, aber sie haben, nach japanischer Empfindung, den Charakter des Behauptens. Ihre Fröhlichkeit ist von Japanern zwar akzeptiert, aber sie werden doch als unruhig und laut empfunden. Vielen Japanern fällt es nicht leicht, sich im Alltagsleben in diese Farben zu kleiden, denn sie strahlen zu stark nach Außen aus, und sie bringen den Japanern eine Unruhe, die ihnen oft unerträglich ist. Sie finden keinen Einklang zwischen ihrer eigenen Seelenstimmung und der Farbausstrahlung, und dabei verlieren sie ihr seelisches Gleichgewicht.
Lärm und Stille
Wer sich das Land Japan als ein stilles Land vorstellt oder zumindest als ein Land, das die Ruhe pflegt, der wird bei einem Besuch enttäuscht werden. Es herrscht in diesem Land ein unerträglicher Lärm. Überall, wo Menschen sind, ist es einfach laut. Auf dem Bahnsteig, im Bus, auf der Einkaufsstraße, im Warenhaus, im Restaurant, im Cafe gibt es Lärm. Die Lautstärke ist unvorstellbar. Natürlich sind die elektronischen Verstärker mit schuld, aber nicht sie alleine; diese Unruhe haben die Japaner in sich. Im Zusammenhang mit der Pflege von Stille und Ruhe wurde Japan vom Westen sehr bewundert und geschätzt. Wie aber verhält sich der allgegenwärtige Lärm zu jener Ruhe? Findet man die Stille heute noch irgendwo? Ja, man findet sie noch. Man findet sie aber nur in einem isolierten Raum, z.B. in einem alten Tempel oder bei einer traditionellen Zeremonie. Die Diskrepanz von Lärm und Ruhe gehört einfach zu Japan; das Land braucht die beiden Elemente. Es gibt eine gewaltige Kluft zwischen dem Lärm des Alltagslebens und der Stille des Tempels. Dieses Phänomen bedeutet, dass das Alltagsleben und das zeremonielle Leben nicht zueinander in Beziehung treten können, dass sie unverbunden nebeneinander herlaufen. Die Frage »Wie verhält sich der Lärm zur Stille?« heißt eigentlich »Wie verhält sich das Alltagsleben zum zeremoniellen Leben?« Warum pflegt man in Japan im Alltag keine Ruhe? Der Europäer wundert sich darüber, dass der Japaner im Lärm seines Alltagslebens die Stille der Zeremonie nicht vermisst. Er bemerkt nicht, dass der Japaner den Lärm oft gar nicht als Lärm erlebt. Ein Raum ohne Musik ist nach einer Empfindung, die man oft in Japan findet, leer und langweilig. Die Musik, die unerträglich laut tönt, und die nichts anderes ist als echter Lärm, macht für den Japaner den Raum lebendig. Sie schafft für den Raum eine schöne Stimmung.
Das Ziel des Bogenschützen
Das japanische Bogenschießen ist eine rituelle Zeremonie. Es gehört zwar ursprünglich zum Kampf, aber es ist heute ein verinnerlichter Kampf. Wer sich mit dem Bogenschießen in der japanischen Art beschäftigt, kann sofort erleben, dass es ein Schulungsweg ist. In den anderen Kampfarten wie Judo, Karate oder Kendo wird stets mit einem Gegner gekämpft. In Bogenschießen kämpft man nicht mit dem Gegner, sondern mit sich selbst. In Japan nimmt das Bogenschießen daher eine besondere Stellung ein. Eugen Herrigel, der vom japanischen Bogenschießen ganz begeistert war und jahrelang bei einem Meister das japanische Bogenschießen vertieft hat, hat in seinem Buch »Zen in der Kunst des Bogenschießens« versucht, das Wesen dieser Auseinandersetzung mit sich selbst in dem Wörtchen »es« zum Ausdruck zu bringen. »›Verstehen Sie jetzt‹, fragte mich einmal der Meister nach einem besonders guten Schuss, ›was es bedeutet: Es schießt, Es trifft?‹ ›Ich fürchte‹, erwiderte ich, ›dass ich überhaupt nichts mehr verstehe, selbst das Einfachste wird verwirrt. Bin ich es, der den Bogen spannt, oder ist es der Bogen, der mich in höchste Spannung zieht? Bin ich es, der das Ziel trifft, oder trifft das Ziel mich? Ist das Es in den Augen des Körpers geistig und in den Augen des Geistes körperlich – ist es beides oder keines von beiden? Dies alles: Bogen, Pfeil, Ziel und Ich verschlingen sich ineinander, dass ich sie nicht mehr trennen kann. Und selbst das Bedürfnis, zu trennen, ist verschwunden. Denn sobald ich den Bogen zur Hand nehme und schieße, ist alles so klar und eindeutig und so lächerlich einfach ...‹ ›Jetzt eben‹, unterbrach mich da der Meister, ›ist die Bogensehne mitten durch Sie hindurchgegangen.‹« 1 Indem das Wesen des japanischen Bogenschießens in den deutschen Ausdruck des unpersönlichen Es übersetzt wurde, bekam es ein neues Leben im deutschen Sprachgeist. Seitdem wurde es plötzlich weltweit bekannt und gewann viele Liebhaber. Bis dahin wurde es nur in Japan geschätzt. Das japanische Bogenschießen ist methodisch und didaktisch einzigartig. Es unterscheidet sich grundlegend vom westlichen Bogenschießen. Das Charakteristische des japanischen Bogenschießens liegt darin, wie der Mensch, der schießt, sich zur Zielscheibe verhält. Herrigel drückt dies so aus: »Nicht ich, der schießt«, »sondern es schießt.« Durch diesen Ausdruck gewinnt man schon ein Bild. Aber was dabei eigentlich vor sich geht, bleibt doch noch offen. Ich wurde mir zum ersten Mal darüber klar, als ich es selbst übte. Es gibt zwischen dem Menschen, der jetzt schießt, und dem Ziel, das dort ist, ein großes Geheimnis. Das Ziel, das mit dem Abstand von 28 Meter vor mir steht, ist gar nicht das eigentliche Ziel. Es ist zwar da, aber es ist bloß ein Hilfsmittel. Das eigentliche Ziel ist in mir. Deshalb sollte die Anstrengung dabei sein, in mir einen Mittelpunkt zu suchen und zu schaffen. Ich muss mit dem Mittelpunkt, der in mir ist, eins werden. Der japanische Bogen ist extrem lang, mit seinen 2,21 oder 2,27 Metern viel länger als der westliche, und der Mensch, der schießen will, muss die Sehne so weit ziehen, dass der Kopf zwischen dem Bogen und der Sehne ist. Diese Art, dass man die Sehne weit hinter den Kopf zieht, ist seltsam, sogar einmalig. Bei der westlichen Art geht die Sehne nur bis zum Kopf, höchstens bis zum Hinterkopf. Die Kunst der westlichen Technik besteht darin, dass man sich mit dem Ziel, das draußen ist, optisch auseinandersetzt. Es dreht sich hier alles um die Sinneswahrnehmung des Auges. Beim japanischen Bogenschießen geht es hingegen um den Mittelpunkt im inneren Menschen. Man sieht das imaginierte Ziel innerlich. Beide Arme spannen das Instrument, Bogen und Sehne, mit voller Kraft auseinander. Der Mensch muss ruhig stehen können, dass er die zwei Kraftströmungen in sich wahrnehmen kann: von oben nach unten und von hinten nach vorne. Die beiden Kraftströmungen, die jetzt da sind, kreuzen sich im Innern des Menschen. Und dann kann er in diesem Gleichgewicht der Strömungen alles erleben, was jetzt geschehen soll. Es entsteht innerhalb des Punktes das verinnerlichte Ziel. Die äußere Entfernung, 28 Meter, ist natürlich eine reale Tatsache. Wenn man aber so weit ist, den Pfeil loszuschießen, sollte man nicht mehr an sie und an das Ziel denken, sondern alles vergessen und sich innerlich umwandeln lassen. Das Subjekt, das Ich, und das Objekt, das Ziel, sollen in diesem Augenblick ganz und gar eins werden.
Rätselhafter Genitiv
Die deutsche Sprache hat vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Der Nominativ wird ausschließlich für das Subjekt des Satzes, Dativ und Akkusativ werden ausschließlich für das Objekt verwendet. Nur der Genitiv kann sowohl für das Subjekt wie auch für das Objekt gebraucht werden. Der deutsche Genitiv bezeichnet die Abkunft, Herkunft oder Zugehörigkeit; er wird auch der »Wes-Fall« genannt. Meistens verwendet man ihn für das Objekt: »Die Ankunft des Zuges« – »der Ursprung der Sprache« – »das Wesen des Es«. Aber er wird heute immer seltener gebraucht. Viele alte Wendungen sind geradezu unverständlich geworden, besonders die, in denen der Genitiv das Subjekt bezeichnet. Der alte Ausdruck »Des ist Zeit« klingt heute falsch, ja geradezu unverständlich. Man sagt statt dessen: »Es ist Zeit« oder »Es ist an der Zeit«. Dieses »Es« ist das so genannte »genitivische Es«. Es ist an die Stelle des Genitiv-Subjekts getreten. »Wohin geht es des Weges?« Es gibt in der heutigen Sprache noch einige altertümliche Redewendungen, die uns das genitivische Es ahnen lassen, wie beispielsweise: »lch bin es zufrieden«. Heute sagt man aber lieber: »Ich bin damit zufrieden.« Aus dem genitivischen Es ist der Gebrauch des so genannten »unpersönlichen Es« in Wendungen wie beispielsweise »Es gibt Mittagessen« oder »Es herrscht Stille« entstanden. Wer ist hier das Subjekt? Es gib viel Verben, die auch im Zusammenhang mit dem Genitiv standen, wie z.B. denken, gedenken, erinnern, vergessen, sterben. Es gibt eine kleine Blume, sie heißt »Vergissmeinnicht«. Dieser Name enthält den Genitiv, weil das Verb »vergessen« den Genetiv forderte. Die Blume müsste nach dem heutigen Sprachgefühl eigentlich »Vergessmichnicht« heißen, denn das Verb »vergessen« steht heute in Verbindung mit dem Akkusativ. Der Akkusativ hat im Laufe der Zeit den Genitiv verdrängt. Man weiß heute von ihm fast nicht mehr, und man begreift kaum, welche Rolle er einmal innehatte. Was kann man heute unter einem Ausdruck verstehen wie: »Ich sterbe des Todes«? Oft ist das Objekt, das uns im Genitiv begegnet, ein solches, das gar nicht sinnlich vor uns sieht: »Ich gedenke meines verstorbenen Bruders«. Das größte Rätsel aber ist die Tatsache, das der Genitiv als einziger Fall sowohl das Subjekt wie das Objekt bezeichnen kann. »Die Ankunft des Zuges« – hier ist der Zug das Genitivobjekt. »Das Brausen des Windes« – hier ist der Wind das Genitivsubjekt. Im Mittelalter, als der Genitiv noch stärker im Gebrauch war, war die Grenze zwischen seinen beiden Formen fließend. Es gab noch nicht das Bedürfnis des modernen Menschen, Subjekt und Objekt zu trennen. Im Genitiv lebt das entgegen gesetzte Bedürfnis. Das Es, in das Herrigel das Wesen des japanischen Bogenschiessens zu übersetzen suchte und die doppelte Möglichkeit des Genitivs, das Subjekt wie auch das Objekt zu bezeichnen, gehören zusammen. Das Ich und das Ziel, das Subjekt und das Objekt, werden in einem glücklichen Moment der meditativen Konzentration eines.
Denken heißt: »Sich-zum-Gott-kehren«
Heutiges westliches Denken ist kritisches Denken. Man kritisiert eine Sache dadurch, dass man über sie nachdenkt. Beim alten Denken, das in Verbindung mit dem Genitiv steht, ist das anders. Es hat vielmehr die Gabe, sich zu erinnern. In Goethes Gedicht »Nähe des Geliebten« kommt das genitivische Denken gut zum Ausdruck: »Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt; Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer in Quellen malt«. Das Denken des Japanischen steht diesem genitivischen Denken nahe und das ihm entsprechende Wort heißt »kangaeru«; seine ursprüngliche Form war »kami-kaeru«. Das Wort ist aus zwei verschiedenen Worten zusammengesetzt. Das erste, kami, bedeutet »Gott«, und das zweite, kaeru, »sich zurückkehren«. Aus diesem Zusammenhang kann das Wort kangaeru »sich-zum-Gott-zurückkehren« heißen. »Ich denke« kann »Ich frage den Gott« bedeuten. Dieses auf Gott bezogene Denken hat freilich einen deutlichen Mangel, was die Seite der Kritik und der Auseinandersetzung angeht. So könnte man vermuten, dass dies der Grund dafür ist, dass es in Japan nicht gelingt, zielstrebig-kritisch den Lärm zu beseitigen. Anderseits könnte es aber auch sein, dass der Lärm nur für den Europäer so unerträglich ist, weil er dem Lärm als Subjekt gegenübersteht. Vielleicht nimmt der Japaner den Lärm deshalb nicht wahr, weil er meist kein solches Subjekt ist, weil er mit dem Lärm, genauso wie mit der Stille, eins ist.
1 Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens Bern, München, Wien 1986, S.76f (42. Aufl. 2002).
Autorennotiz: Masao Naka, geboren 1951 in Tokio, seit 1977 in Deutschland, nach der Ausbildung zur Heilpädagogik als Heilpädagoge tätig, wegen Krankheit abgebrochen. Fünf Jahre Redaktionsarbeit für das »Goetheanum« und die »Erziehungskunst« für Japan; regelmäßig Vorträge und Kurse in Japan. Veröffentlichung: »Ich-Darstellung im Deutschen und Japanischen«,, Stuttgart 1988. – Adresse: Parlerstr. 35, 70192 Stuttgart.
|