Die Drei 3 / 2002

 

Buchbesprechung

 

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Mysterienlegende

Michael Schubert: Die Königin Ishtar. Eine Mysterienlegende. Mit Bildern von Hansjörg

Aenis. Urachhaus Verlag, Stuttgart 2000. 24 Seiten, 19,90 EUR.

Hier zeigt sich ein Buchtitel, der ein aktuelles Bedürfnis berührt und zugleich in die Frühgeschichte Europas und des Vorderen Orients reicht. Die mythologischen Zeiträume treten heute verstärkt in das breitere öffentliche Interesse. Diese Tatsache kann man an den zahlreichen Ausstellungen zur Frühgeschichte ablesen: Syrien, Mykene, Troia usw. Die Sehnsucht nach dem schöpferischen Ursprung der Kulturen und des Menschen ragen mehr oder weniger bewusst in das individuelle Selbstfinden. In einer Zeit zerfallender Werte und der Evakuierung menschlicher Beziehungen stellen sich viele Menschen fundamentale Fragen neu. Zerfällt der einzelne Mensch zu einem konsumierbaren Ersatzteillager? Erkenne ich im anderen noch sein eigenes Wesen? Sind Mitgefühl und Liebe zur Hingabe fähig?

Diese wenigen Fragen zielen in einen Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen, die eigentlich im Sinne von Paul Klee zu dem Zwischenreich von Diesseits und Jenseits gehören oder zum Sinnlichen und Übersinnlichen in gleichem Maße. Die Königin Ishtar (oder Ischtar) war die bedeutendste Göttin der Babylonier und Assyrer; sie wirkte im Schicksal von Liebe und Fruchtbarkeit. Man kann sie auch als die Himmelskönigin oder Große Mutter erkennen. Die Assyrer sahen ihr Wirken ebenso in der Jagd und im Krieg, und die Babylonier als Lebensquell in Mutter und Kind. Als Göttin war sie zugleich jenseitig und doch diesseitig. Die nahe Berührung der beiden Worte fruchtbar und furchtbar rühren an das rätselvolle Sichtbarwerden ihres Wirkens. Die Mythologie weiß von tragischen Liebesbeziehungen zu berichten; in besonderer Weise von ihrem Gatten Tammuz (oder Tammus). Seine rituelle Heirat sowie sein mit Vollzug des kosmisch-irdischen Frühlings eintretender früher Tod werden zum tragischen Ereignis von Tod und Wiedergeburt. In den semitischen, der ägyptischen und den griechisch-römischen Hochkulturen finden sich unter anderen Namen Göttinen, Götter und Sterbliche in diesem Wirkenszusammenhang.

Michael Schubert stellt sich mit seiner Mysterienlegende in diesen mythologischen Strom. Der Illustrator Hansjörg Aenis, der großformatige Bilder malt, inspiriert vom Wort, schafft eine parallele Bild- und Phantasiewelt mit zitatenhaften Anklängen und farbig belebten Vorstellungselementen. Im Nachwort geben Autor und Maler einen Überblick wirkensgeschichtlicher Zusammenhänge. Programmatisch betonen sie die Aktualität der Neuformulierung einer solchen Mythologie wie der von Ischtar und Tammuz. Sie heben auch die besondere Entwicklungsqualität des Weiblichen hervor und setzen die Tatsache der Wiedergeburt voraus; ihr Sinn erfüllt sich erst durch Höherentwicklung und Unsterblichkeit. Hieraus leitet sich auch die Notwendigkeit ab, die 2500 Jahre alte Legende heute mit neuem Bewusstsein zu erzählen.               

In Farbgebung und Format nebst dem Titel könnte man das 24-seitige Buch für ein Kinder- und Bilderbuch halten. Nach der Lektüre des Nachwortes ist unmissverständlich deutlich, dass es für die Hand des sinnenden Erwachsenen gemeint ist. Das Buch ist in acht Szenen gegliedert; die Bilder und der Text bewirken immer eine bildschaffende Einheit. Phantastisch und traumhaft zeigt sich die Wort- und Bildwelt. Gegenständliche Anklänge in den Bildern nebst umgangssprachlichen Elementen in der Erzählung provozieren einen Pendelschlag des Bewusstseins zwischen wachen Reizen und träumendem Imaginieren.

Die Leser werden in der ersten Szene aufgefordert: »Hört zu!« Des Autors Intention erscheint als eine Erzählung mit Bezügen zu Märchen und Kunstmärchen. Der Leser erfährt auch in dieser Szene, dass die unsterbliche Ishtar alle hundert Jahre zur Erde herabsteigt, um die Fruchtbarkeit zu spenden; würde ein Mensch sie sehen, müsste dieser sofort zu Stein erstarren. Dieses geschieht und die Konsequenz der sofortigen Verliebtheit erfasst beide – den Seher und Ishtar – zugleich, und Ishtar nimmt es auf sich, durch sieben Prüfungen hindurch sieben Tore zu überwinden, um das Wasser des Lebens zur Wiederbelebung ihres Geliebten zu erlangen. Voller Lebensmut, mit äußerster Konzentration gelingt ihr jede Prüfung auf dem Weg durch das Erdinnere.

Sie scheint kein klares Bewusstsein von dem zurückgelegten Weg zu haben; einzig das Mitgefühl zu dem Geliebten und seine große Liebe zu ihm lässt sie vorwärts streben. Die todheischenden Hindernisse ergreifen sie in allen ihren Sinnen und Kräften. Sie scheint auch keinen weiteren planenden Gedanken zu fassen. Wirkliches Bewusstsein zeigt sie in der aktuellen Situation. Die Bilder der Erzählung tauchen jeweils überraschend und neu auf, wie die Bildfolgen im Traum. Nicht eine Entwicklung offenbart sich, sondern der nach vorne drängende Tatendrang ist bis zuletzt bestimmend. Die vielleicht sprachlich-bildlich am einheitlichsten durchdrungene Szene ist die letzte, das siebte Tor. Am Ort der ersehnten Quelle wandeln sich klar gegliedert die Bildelemente, sie erfährt den Namen des Geliebten und er tritt ihr entgegen. Der Leser wird Zeuge wie Ischtar und Tammuz sich in diesem Geschehen vereinen. Aber auch hier ist die Gegenwärtigkeit das Aktionsfeld. Sie geht ja nicht mit dem gefundenen Wasser zurück, nein, ihr Geliebter ist neu da, wiedergeboren aus dem Wasser.

Diese Mysterienlegende trägt viele Eigenschaften des Traumes. Das Gedanken und Erkenntniselement ist weitgehend eingewoben in das elementare Wirken der Bildaktionen. Wird Michael Schubert und/oder Hansjörg Aenis dem selbst formulierten Anspruch gerecht, die alten Mythologien aus neuem Bewusstsein darzustellen? Die Bemühung zeigt immer da Kontur und Erfolg, wo im Wandel der Bildelemente das Geschehen durchlässig wird für lichterweckte Gedanken. Das Buch ist zeitgemäß und stark genug Interesse zu wecken und zu erfüllen.

  Albert Staiger