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Die Drei 3 / 2002
Buchbesprechung
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Phänomen Grünewald
Horst Ziermann: Grünewald. Prestel Verlag, München 2001. 208 Seiten mit 146 Abbildungen, davon 82 in Farbe, 69 EUR.
Es gibt Bilder, deren Wirkung auf den Betrachter so nachhaltig ist, dass der sich in ihnen manifestierende Inhalt als zeitlos gültig anzusehen ist. Zu diesen Bildern, deren Bedeutung bis in die Gegenwart selbst die Kunstgeschichte nur unvollständig zu entschlüsseln in der Lage war, gehören die Werke des zwischen 1478 und 1483 im Umkreis von Würzburg geborenen Malers Matthias Grünewald. Wahrscheinlich am 31. August des Jahres 1528 – im Alter zwischen 45 und 50 Jahren – in der Stadt Halle gestorben, sind sowohl die Persönlichkeit des Mathis Neidhart – der sich spätestens ab dem Jahre 1516 mit seinem Wahlnamen Gothart als »Mathis Gothart« bezeichnet, was als ein Bekenntnis zu Gott gedeutet werden darf – als auch seine Werke noch heute mit dem Nimbus des Geheimnisvollen umgeben.
Nur 26 Ölgemälde sind von ihm erhalten. Ob es je wesentlich mehr waren, wissen wir nicht. Hinzu kommen noch einmal 37 Handzeichnungen. Das ist wirklich nicht viel, zumal wenn man berücksichtigt, dass nicht alle dieser Arbeiten eindeutig der Künstlerpersönlichkeit Grünewalds zugeschrieben werden können. Rund 1200 Werke sowie umfangreiche Korrespondenzen besitzen wir dagegen von Albrecht Dürer, dem berühmten, nur knapp fünf Monate vor Matthias Grünewald am 6. April des Jahres 1528 verstorbenen Künstlerkollegen, dem es im Gegensatz zu diesem einmal vergönnt sein sollte, dass ein ganzes Zeitalter seinen Namen tragen würde. Von Grünewald ist außer einer
fragmentarischen Signatur kein einziges schriftliches Zeugnis überliefert.
Merkwürdig ist das. War er Alchemist, wie behauptet wurde? Auch das wissen wir nicht.
»Und doch«, schreibt Horst Ziermann, und dies völlig zu Recht, am Ende des großen, zweiten Kapitels seiner umfassenden Studie über Grünewald im »Des Meisters Eigentümliches« überschriebenen Abschnitt, »ist das Werk des Meisters Mathis ein Kosmos« . Ein Kosmos wahrlich, denn was für Bilder hat dieser rätselhafte Maler geschaffen! Wie meisterhaft beherrscht er die Dynamik der Farbe. Jeder, der einmal das Glück hatte, für längere
Zeit vor dem so genannten Isenheimer Altar – dem Hauptwerk des Mathis Gothart – im Musée d'Unterlinden Colmar zu arbeiten, wird diesem Resumee uneingeschränkt zustimmen. Denn das Wenige dieses bemerkenswerten Künstlers hat es in sich. Die meisten seiner Werke müssen, wie Ziermann ausführt, »von rechts nach links gelesen werden«. Und vieles enthüllt sich erst im minutiösen Detail.So sind beispielsweise auf der zweiten Schauseite des Isenheimer Altars, welche die Menschwerdung Christi zum Thema hat, im Vordergrund des Bildes, dort wo die beiden mittleren Bildtafeln aneinander stoßen, die drei Gerätschaften der Wochenstube »als Symbole des Menschseins Christi« zu sehen: Badezuber, Nachtgeschirr und Wiege. Bei eingehender Betrachtung der Wiege ist, wenn auch nur sehr schwach, wie Ziermann schreibt, eine in die Tiefe hinabführende Treppe zu erkennen. Ein derartiger Hinweis
auf Christi Grab und Auferstehung ist für die westliche Kunst ungewöhnlich (in der byzantinischen dagegen weit verbreitet) und illustriert ebenso wie die hebräischen Schriftzeichen, die die Forschung auf dem irdenen Nachtgeschirr erkannt haben will, die spirituelle Tiefe, auf der Grünewalds Schaffen erwächst.
Um die künstlerische Spannbreite des Matthias Grünewald zu ermessen, lohnt sich jedoch auch ein Vergleich des zentralen Motivs der Kreuzigung Christi. Grünewald hat dieses Thema insbesondere in der Basler Kreuzigung (1505-1507), in der Kreuzigung auf der ersten Schauseite des Isenheimer Altares (1512-1516), in der Kreuzigung des Washingtoner Klein Kruzifix' (1516/1517) sowie in der späten Kreuzigung des Tauberbischofsheimer Altares (1526) behandelt.
Im Vergleich dieser vier Werke miteinander zeigt sich, dass Grünewald das körperliche Leiden des ans Kreuz geschlagenen Gottessohnes (das Hängen am Kreuz, die Spuren der vorangegangenen Marterung, der beginnende Verwesungsprozess des Leichnams) zwar grundsätzlich betont, dieses jedoch im Spätwerk des heute in Karlsruhe befindlichen Tauberbischofsheimer Altares in einer fast gespenstischen Weise zu steigern vermag, die dem Betrachter die Gegenwart des Gekreuzigten physisch spürbar werden lässt.
Christus hängt mit nach oben geöffneten Armen am Kreuz, doch dieses »Hängen« besitzt hier – in großem Gegensatz zu der Basler Kreuzigung – Schwerelosigkeit (ähnlich dem triumphierenden Christus der Romanik). Diese Schwerelosigkeit führt nun im vorliegenden Fall erstaunlicherweise dazu, dass sich der Betrachter dem Bildgeschehen – der Anwesenheit des Gekreuzigten also – nur schwer entziehen kann. Grünewald künstlerisches Verfahren – und dies hebt ihn weit über seine eigene Zeit hinaus – involviert den Betrachter, gibt ihm (fast) nichts mehr vor, ja zwingt ihn gerade dadurch zur eigenen (auch emotionalen) Interpretation des Werkes. Dies dürfte zumindest ein Aspekt des Geheimnisses sein, das Grünewalds Werke in sich bergen.
Auf etliche weitere Fragen stößt der Leser bei der – sprachlich nicht unbedingt immer einfachen – Lektüre dieser ausgezeichneten kunstwissenschaftlichen Studie über Matthias Grünewald. Sie ist das Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung mit dem Phänomen »Grünewald« und zusammen mit den opulenten Abbildungen ein echtes Geschenk des Autors an seine hoffentlich zahlreichen Leser. Auf dem Hintergrund umfassender Recherchen, die im mit »Lebensweg« überschriebenen ersten Kapitel einer kriminalistischen Spurensuche nicht unähnlich sind, entfaltet Horst Ziermann vor seinen Lesern in drei großen Kapiteln das Panorama dessen, was über Matthias Grünewald heute bekannt ist (»Werke« sowie »Tragisches Finale«).
Wird sich der fachwissenschaftlich Interessierte vor allem an Ziermanns umfassender Diskussion der bisherigen Grünewaldforschung mit Vergnügen festlesen, so dürfte sich dem erstmals an Matthias Grünewald Interessierten dessen Oeuvre vor allem über die präzisen Bildbeschreibungen und Werkanalysen des Autors und die immer wieder auch in Detailaufnahmen reproduzierten Bilder erschließen. Ein Buch, das uneingeschränkt zu empfehlen ist. Dass auf Schloss Johannisburg in Aschaffenburg vom 30. November 2002 bis zum 28. Februar 2003 die bayerische Landesausstellung »Das Rätsel Grünewald« stattfindet, dürfte ein Grund mehr sein, sich mit dem Künstler und seiner Zeit zu beschäftigen. Matthias Mochner