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Die Drei 3 / 2002
Buchbesprechung
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Parsifal in Venedig
Giuseppe Sinopoli: Parsifal in Venedig.. Claassen Verlag, Hildesheim 2001. 158 Seiten, 18 EUR.
Kurz nach dem tragischen Tod Giuseppe Sinopolis am Dirigentenpult während einer Aida-Aufführung in Berlin im April 2001 kam die deutsche Übersetzung der bereits 1993 erschienenen italienischen Originalausgabe auf den Markt. Das Buch schildert die magische, sinngeladene (vielleicht auch überladene) Wanderung des Autors durch das nächtliche Venedig im Anschluss an eine von ihm dirigierte Aufführung von Wagners Parsifal im Teatro La Fenice. In der durch diese angeregten geistig-seelischen Hochgespanntheit fließen ihm die Leitmotive des Parsifal, vor allem das der »Erlösung«, und die von ihm entdeckte Symbolwelt Venedigs (seiner Heimatstadt, aber auch der Ort des Todes Richard Wagners) ineinander.
Schon der Name des Theaters: La Fenice = der Phönix zeigt ihm das »Leitmotiv« der symbolischen Partitur Venedigs an: das der »Wiedergeburt«, ja er nennt Venedig explizit die »Stadt der Wiedergeburt«. Erkennt er schon in der gesamten Anlage der Stadt die Urform des Labyrinthes (das ja Erlösung und Wiedergeburt impliziert), so wird ihm buchstäblich alles, was ihm auf seiner nachtlangen Wanderung durch dieses Labyrinth begegnet, zu Symbol und Metapher. Er kann keinen Kanal überqueren, ohne an den Unterweltsfluss zu denken, die Brücke, die »zwischen zwei Ufern, zwei Stufen der Initiation gespannt« ist, führt ihn über den Link »Leiter-Symbol« unmittelbar zum Mithrasheiligtum. Der Brunnen wird ihm zum etruskischen mundus und zur Weltenachse, die verschiedene Anzahl von Treppenstufen auf einem Platz fügt sich ihm zur pythagoräischen Tetraktys, ein von der Mauer herabhängendes Fünffingerkraut ist ihm die »Zauberpflanze par excellence«, die einsetzende Morgendämmerung (mit dem Wanderer ermüdet nun langsam auch der Leser) deutet sich ihm als nichts Geringeres als der »beginnende Kampf des Lichts zur Überwindung der Finsternis«. Die Zeit wurde nicht zum Raum, sondern der (Stadt-) Raum zum Zeitlosen.
Der hochgebildete Sinopoli, der auch Komponist, promovierter Arzt und studierter Archäologe war (im Sommer 2001 wäre er zum Doktor der Archäologie promoviert worden), und der von sich behauptete: »Meine Seele stammt von einem Sizilianer, der vor 3000 Jahren lebte«, ist der Gefahr der wuchernden Assoziierung von Symbologien und Mythologemen quer durch alle Religionen und Kulturkreise nicht immer entgangen. Der kreisförmige Weg durch die Lagunenstadt – er ist im Anhang genau aufgezeichnet – wird so selbst zum Symbol für das Sich-im-Kreise-Drehen einer puren assoziativen Knüpfung von Symbolketten, aus welcher allein noch keine originäre tiefere Einsicht erwächst.
Im Anhang, der nicht von Sinopoli selbst, sondern von einem italienischen Freund stammt, mit dem er sich »auf einem Spaziergang in den dunklen Wäldern des Fichtelgebirges östlich von Bayreuth« über den Parsifal unterhalten hatte, wird dann immerhin versucht, den empfundenen Mangel auszugleichen, indem unter Aufbietung eines hohen Maßes an Gelehrsamkeit (die eleusinischen Mysterien, die Pflanzensymbolik des Parsifal und Platos Timaios sind das Mindeste!) der Weg des Wagner-Dirigenten durch Venedig mit dem Gang Parsifals zur Gralsburg in Beziehung gesetzt wird.
Trotz allem wird dieser dichte, anspruchsvolle Text für jeden, der Venedig kennt und liebt, dem geheimnisvollen Zauber dieser Stadt noch eine weitere Dimension hinzufügen.
Michael Ladwein