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Die Drei 3 / 2002
Buchbesprechung
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Europa ohne Mitte
Andreas Bracher: Europa im amerikanischen Weltensystem. Bruchstücke zu einer ungeschriebenen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Europäer-Schriftenreihe Band 2, Perseus-Verlag, Basel 2001. 165 Seiten, EUR 19,80.
Die Dominanz der amerikanischen Weltherrschaft ist durch das Ereignis vom 11. September 2001 überdeutlich geworden. Blickt man zurück auf die Geschichte Mitteleuropas im 20. Jahrhundert, so ist eine Neuorientierung geboten. Andreas Bracher hat in der Einleitung zur Erstauflage des Buches im Juli 2000 einen Satz niedergeschrieben, der jetzt die ganze Aktualität seiner Darlegungen belegt: »Findet das Unbehagen über die angelsächsische Weltherrschaft dagegen nicht den Weg zu dieser Idee (Dreigliederung), so wird es von Affekten und Fanatismen überwältigt und sowohl unproduktiv als auch brutal gewalttätig werden.« Wie begründet Bracher seine These?
Seit 1917 ist Amerika in die europäische Politik eingetreten und hat seitdem die Entwicklung der Weltpolitik gelenkt. Bracher bringt zu drei Komplexen der amerikanischen Politik interessante Fakten und weist Beziehungen zwischen Personen und Institutionen auf, die in Deutschland fast unbekannt geblieben sind. Wer kennt schon den Historiker und eigentlichen Inspirator von Clinton, Caroll Quigley? »Die Welt seit 1914 – Tragedy and Hope« (1966) war sein faszinierendes Buch, in dem es um die Offenlegung bestimmter Netzwerke von Verbindungen in der amerikanischen Politik ging. Quigley war ein Hochschullehrer an der Georgetown Universität, der Menschen fähig machen wollte, selbstständig zu entscheiden, anstatt nur Entscheidungen anderer Leute auszuführen oder zu rechtfertigen. Er machte Bezüge öffentlich, die manche Machtgruppen lieber im Verborgenen gehalten hätten. Sein Buch ist inzwischen vom Markt verschwunden, das heißt aber nicht, dass er in den Machtzirkeln weiterhin gelesen wird und die Entscheidungen beeinflusst.
Bracher stellt noch einen weiteren Historiker vor: Anthony C. Sutton, der eine Fülle von Büchern über ökonomische und militärische Entwicklungen in den USA, der Sowjetunion und dem Zusammenhang von Wallstreet und Hitlerdeutschland verfasst hat. Seit 1917 habe man mit westlicher Technologie die Wirtschaft entwickelt und den Feind großgezogen, der schließlich drohte, den einstigen Helfer zu verschlingen. Warum? Naivität oder Absicht? Sutton deckt auch einen Orden auf, der sich als Senior-Society der Universität Yale bezeichnet, intern aber »Skull and Bones« (d.h. Schädel und Knochen) heißt. Er umfasst alte amerikanische Familien und die Repräsentanten der Finanzwelt mit einem dominierenden Einfluss auf Forschung und Medien und somit auf die ganze amerikanische Gesellschaft. Die Einzelheiten und die sich daraus ergebenden Zusammenhänge können hier nicht wiedergegeben werden. Bracher blickt dann nach Europa und behandelt die Gründung der Montanunion als Vorläufer der EG durch Jean Monnet im Zusammenwirken mit Robert Schuman und Konrad Adenauer. Monnets Aufgabe war, einen europäischen Einheitsstaat nach amerikanischen Intentionen schrittweise aufzubauen. Er verknüpft Wirtschaft und Politik, während Kultur in seinem Leben und in diesen Intentionen keine Rolle spielt. Man muss dieses Kapitel lesen, um heute urteilsfähig über die EG-Politik zu sein.
Es folgt ein Abschnitt über Nationalismus, Antifaschismus und Anthroposophie – scheinbare Ähnlichkeiten, wirkliche Gegensätze. Der Ost-West-Gegensatz und die fehlende Mitte sind die bestimmenden Faktoren für Holocaust und Kalten Krieg. »Menschenrechtsinterventionismus und Nationalismus« ist der abschließende Abschnitt überschrieben, in dem er auf die Tragödien in Jugoslawien und im Kosovo zu sprechen kommt. Im Anschluss an die Politik, die bereits Präsident Wilson mit seinen 14 Punkten 1917 eingeleitet hatte, kommt er auf die Ereignisse des letzten Jahrzehnts nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu sprechen. In diesen beiden Abschnitten merkt man am stärksten, dass der Autor sich mit den Geschichtsbetrachtungen Rudolf Steiners intensiv beschäftigt und einen Blick entwickelt hat, wie man symptomatologische Gesichtspunkte aufzeigt.
So arbeitet Bracher Leitlinien heraus, die deutlich werden lassen, dass ohne kulturelle Eigenständigkeit Mitteleuropa jede Aufgabe im Weltgeschehen verliert bzw. verloren hat, weil nur noch westliches Machtstreben und persönlicher Egoismus die Politik bestimmen. Das Buch fordert in der Tat dazu auf, die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu sehen zu lernen. Es schließt in guter Weise an die bekannte Ausarbeitung von Renate Riemeck – »Mitteleuropa. Bilanz eines Jahrhunderts« (Erstauflage 1965) – an.
Götz Bauer