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Die Drei 3 / 2002
Buchbesprechung
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Bedingungen im Handwerk der Freiheit?
Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens, Carl Hanser Verlag, München 2001. 446 Seiten, 24, 90 EUR.
Der Titel des Buches ist natürlich metaphorisch gemeint, denn von einem Handwerk im eigentlichen Sinn ist im Text nirgends die Rede. Bieri, Berliner Philosophieprofessor (aber gebürtiger Schweizer), wollte ein allgemein verständliches und dennoch genaues Buch schreiben über Erfahrungen mit der Idee und der Praxis der Willensfreiheit. Das ist ihm sicher gelungen, wie man vorwegnehmend sagen kann.
Die Schrift gibt eine sorgfältige Gliederung: Einen Prolog »Der Irrgarten«, zwei Intermezzi und einen Epilog »Philosophische Verwunderung«, dazwischen drei lange Textteile über »Bedingte Freiheit«, »Unbedingte Freiheit« und »Angeeignete Freiheit«.
Auf dem Wege zur Entdeckung des Willens durch diese Abschnitte hindurch bedient sich Bieri der phänomenologischen Analyse, also der Arbeit an den Begriffen unter Einschluss des Sprachgebrauchs. Im Prolog wird zunächst ein grundlegendes Dilemma vorgestellt: In einer gesetzlich verlaufenden und deshalb verstehbaren Welt gibt es keinen freien Willen. Ist der Wille aber bedingungslos frei, so ist er nicht mehr verständlich. Die Suche nach einer begründeten Auflösung des Dilemmas und nach der begrifflichen Absicherung der Lösung durch Prüfung widersprechender Behauptungen sind der Inhalt der ersten beiden Hauptteile des Buches. Der dritte Hauptteil enthält ergänzende anwendungsorientierte Gesichtspunkte.
Um sein Buch gut lesbar zu machen, greift Bieri ein Beispiel aus der Literatur auf, das Schicksal Rodion Raskolnikovs aus Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe und erfindet ergänzend eine Anzahl von Geschichten, an denen sich die verschiedenen Fragen des Handelns, des Urteilens, der Urheberschaft, des Wunsches, der Fantasie, der Verantwortung usw. erörtern lassen.
Sehr bald ergibt sich die Grundthese des Verfassers: »Die Freiheit des Willens liegt darin, dass er auf ganz bestimmte Weise bedingt ist: durch unser Denken und Urteilen.« Dem Leser kann sich die Frage aufdrängen, ob der Ausdruck »Bedingtheit« (des Willens) glücklich gewählt ist. Bieri hat sein ganzes Buch auf dieses Wort aufgebaut. Über Hunderte von Seiten, besonders des zweiten Teiles, zeigt er, dass das Gegenteil, die Annahme einer »Unbedingtheit« des Willens, aporetisch ist und eigentlich nicht einmal konsistent gedacht werden kann. Die angenommene Unbedingtheit verschlinge den Willensinhalt und schließlich auch das Subjekt. Ist aber der Zusammenhang von Denken und Wollen tatsächlich als gegenseitige Bedingtheit – also im Sinne einer Einschränkung – zu fassen? Die Frage, ob auf dem Wege von der Unfreiheit zur Freiheit nicht der ideelle Grund einer Tat selbst zum Willensantrieb wird, dass also im Freiheitsfalle Denken und Wollen koinzidieren, wird vom Verfasser nicht gestellt und würde möglicherweise von ihm sogar für sinnlos gehalten werden.
Der Begriff des Willens wird nicht erklärt: Was ist Wille? Wie schaffen wir es zum Beispiel, im Gehen Schritt vor Schritt zu setzen, ohne dass wir die Mechanik unseres Bewegungsapparates wirklich kennen? Eine Willensabstufung, ausgehend vom Instinkt, über den Bereich der Triebe bis zu übergreifenden Vorsätzen und Entschlüssen, wird nicht gesucht. Der Wille ist für Bieri einfach da. Die Idee des göttlichen Willens, von dem sich menschlicher Wille ableiten ließe, fehlt völlig. Es gibt auch keinen wirklichen Intuitionsbegriff. Als Intuition bezeichnet Bieri ein naives, reflexionsloses Meinen, nur als Vorstufe der Analyse geeignet, aber ohne eigenen Erkenntniswert.
Bieri beabsichtigte nicht, sich in die »tiefen Gewässer der Moralphilosophie« zu begeben und dabei die Fragen von Moral und Vernunft in einem grundsätzlichen Sinne mit Einschluss der notwendigen Begriffserklärungen zu behandeln.
Was hat Bieri positiv geleistet? Er hat auf dem Wege seelischer Beobachtung in einem eher induktiven Verfahren eine Fülle von Erfahrungssituationen aus dem Zusammenhang von Denken und Wollen in Freiheit und Unfreiheit detailgenau geschildert und damit unüberprüften und daher wirklichkeitsfremden »Standpunkten« entgegengewirkt. Das Buch ist ein Handbuch der Freiheitspraxis und insofern auch demjenigen Leser nützlich, der von der sittlichen Freiheit des Menschen im Denken und Handelns bereits felsenfest überzeugt ist. Geradezu beklemmend sind die Schilderungen der verschiedenen Ausprägungen von bewusster und unbewusster Unfreiheit im zweiten Hauptteil. Dort findet sich auch ein Dialog zwischen Raskolnikov und seinem Richter in einer Art Rollenspiel: Raskolnikov scheitert mit der Behauptung, er sei als Täter unfrei und daher nicht verantwortlich gewesen.
Der im Umschlagstext enthaltenen geradezu enthusiastischen Beurteilung des Buches durch Rüdiger Safranski vermag ich mich nicht anzuschließen, wegen seiner Anschaulichkeit und Ehrlichkeit ist das Buch aber dennoch zu empfehlen. Mancher Verehrer von Rudolf Steiners »Philosophie der Freiheit« kann an Bieris sorgfältigen Analysen lernen, dass die Dinge mit der Freiheit nicht so einfach liegen, wie oberflächliches Lesen von Steiners Werk glauben machen könnte. Übrigens: »Handwerk« der Freiheit könnte eine freiheitliche Pädagogik sein, und insofern ist Bieris Buch vielleicht auch für Lehrer interessant. Günter Röschert