Die Drei 02 / 2005

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt wohl kaum jemanden, den die Flutkatastrophe in Südostasien unberührt gelassen hat. Sie wirft nicht nur naturwissenschaftliche und vor allem ganz praktische Fragen menschlicher und technischer Hilfestellung auf. Zum Überleben in der Flut von Leiderfahrungen – fremden wie eigenen – gehört auch der Umgang mit meist ungestellt bleibenden Fragen nach dem »Sinn« eines solchen Ereignisses, nach dem Verstehen der menschheitlichen Zusammenhänge. Joachim von Königslöw, Ruth Ewertowski und Christl Kiewitz bewegen solche Fragen in diesem Heft. Dies ersetzt natürlich nicht die notwendige Hilfe vor Ort, wie sie tatsächlich auch in großem Umfang geleistet wird. Christopher Stremme – ein wie »zufällig« Überlebender – berichtet direkt aus Aceh, wie sich seine Freunde und er dort um ganz praktische Soforthilfen bemühen, und bittet hierfür um Ihre Unterstützung!


Um meist »ungestellte Fragen« – scheinbar abgelegen und doch mit handgreiflichen Konsequenzen für unser Menschen- und Weltbild – geht es auch in anderen Beiträgen dieses Heftes: Während der Physiker Hans Peter Dürr im Gespräch der Frage nach geht, wie aus der quantenphysikalisch immateriell gedachten Materie die sicht- und fühlbare Erscheinungswelt zu verstehen sei, zeigt der Biomediziner Walter van Laack, dass das materielle Gehirn nicht ein nicht-materielles Bewusstsein hervorbringen kann. Beidesmal geht es um Fragen des Verhältnisses von Wesen und Erscheinung. Für den Philosophen und Anthroposophen Steffen Hartmann sind diese bereits von Platon und Aristoteles bewegten Fragen solche, »die, einmal von einem Menschen gestellt, weitertönen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Menscheitsentwicklung«. Anschaulich werden sie, wenn eine Künstlerin wie Michaela Escher mit ihrem Werk die Nahtstelle zwischen Sinnenwelt und Abstraktion erkundet.


Solche Fragen sind nicht eigentlich zu beantworten. Doch im existentiellen Umgang mit ihnen kann eine moralische Kraft entstehen, die – alle Dimensionen des vom Menschen erlebten Seins einbeziehend – Vertrauen schafft, auch angesichts von unfassbaren Katastrophen.

Ihr Stephan Stockmar