Die Drei 02 / 2004

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

der tuwinische Schamane und »deutsche« Schriftsteller Galsan Tschinag kommt nicht nur auf Grund der Verhältnisse in seiner mongolischen Heimat zu der Feststellung: »Das Erzunglück der Menschheit besteht in ihrer Passivität angesichts der vielen Vorbereitungen zur Selbstzerstörung des eigenen Planeten.« – Während ich dieses Editorial schreibe, beraten in Mumbai (Bombay)/Indien ca. 100.000 Menschen aus allen Kontinenten im Rahmen des Weltsozialforums über Alternativen zur herrschenden Globalisierung unter rein ökonomischen Gesichtspunkten und über gemeinsame Handlungsstrategien. Vielleicht wird dadurch ja eine Grundlage geschaffen, auch dort die Passivität zu überwinden, wo die westlichen Wirtschaftsmechanismen  zu kulturellen und Umweltzerstörungen führen, vergleichbar denen, wie sie der Kommunismus hinterlassen hat. Voraussetzung hierfür ist die Erkenntnis der eigenen Größe wie auch der Grenzen des Menschen – ein Ziel, das Galsan Tschinag schon in jungen Jahren für sich entdeckt hat.

Solange nur noch auf das geschaut wird, was aus der eingeschränkten Sicht des Lebens zwischen Geburt und Tod technisch machbar ist, solange der Abgrund des Todes und der Weg, den das ewige Ich vom Tod zu einer neuen Geburt zurücklegt (vgl. Jörg Ewertowski), aus dem Bewusstsein gestrichen werden, ist der Mensch nicht nur seiner Wurzeln beraubt, sondern auch seiner Zukunftsperspektive: Die Folgen der Technik holen ihn immer wieder ein, verletzen ihn in seinem Wesensgefüge, rauben ihm die Lebenskräfte – wie es nicht nur die zunehmende Verseuchung der Umwelt mit akustischen und anderen Signalen zeigt.

Es geht also um ein Doppeltes: Die eigenen Grenzen bezüglich des (technisch) Machbaren zu erkennen und zugleich die Erkenntnis über Geburt und Tod hinaus in den Bereich hinein zu erweitern, in dem sich die Gegensätze ineinander verwandeln, wo die Gerade zum Kreis wird, der sich im Durchgang durch die Unendlichkeit schließt. Der Weg des Brückebildens zwischen den verschiedenen Kulturen, wie ihn Galsan Tschinag geht, der Weg des Verstehens des Fremden ohne Aufgabe des Eigenen, der immer auch ein Weg der Selbsterkenntnis ist, bildet hierfür die beste Vorbereitung.

Ihr Stephan Stockmar