Die Drei 12 / 2005

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

von der Christgeburt in Bethlehem vor 2005 Jahren her schreibt sich unsere Zeitrechnung. Selbst wenn dieses Ereignis für den Historiker nur schwer zu greifen ist, hat es unsere Kultur entscheidend geprägt; wir können auf eine sehr wechselvolle Geschichte des Christentums zurückblicken. Rudolf Steiner sieht in diesem Ereignis – zusammen mit dem Mysterium von Passion und Auferstehung – darüber hinaus einen weltgeschichtlichen Wendepunkt, durch den der Mensch bis in seine geistig-seelisch-leibliche Konstitution verwandelt wurde, und zwar ganz unabhängig von einem Wissen um das Christentum oder gar einem Bekenntnis zu diesem. In diesem Geschehen urständet für Steiner die Möglichkeit, dass der Mensch heute durch entsprechende Schulung ein bewusstes und freies Verhältnis zur Welt geistiger Wesenheiten eingehen kann, indem er sich im Denken auch unabhängig von seiner Leiblichkeit macht. Einen solchen – christlichen – Meditationsweg und anfängliche Erfahrungen mit diesem schildert Steffen Hartmann im Ihnen vorliegenden Heft.

Unter diesen Gesichtspunkten scheinen mir die Kollegen von Info3 einen sehr hohen Preis zu zahlen, wenn sie (und wie sie) im Rahmen ihres Dialoges mit anderen modernen spirituellen Bewegungen (Ken Wilber, Andrew Cohen u.a.) seit einiger Zeit der Frage nach- gehen, ob Anthroposophie und der innere Weg, den Rudolf Steiner gegangen ist, nicht auch ohne Christentum zu denken seien. – Auf einer anderen Seite werden – ähnlich umstritten – aktuelle Schauungen der Ereignisse der Zeitenwende in den Mittelpunkt anthroposophischer Betrachtungen und Interpretationen gestellt (siehe Ralf Sonnenbergs Besprechung des Buches von Judith von Halle).

In meinen Augen liegt das Christliche der Anthroposophie nicht nur in den christologischen Inhalten begründet, sondern ebenso in der Art und Weise, wie Rudolf Steiner das wesenhaft Geistige in der Welt und im konkreten Menschen aufsucht. Die Erkenntnisfrage wird so immer auch zur künstlerischen Frage, wie auch das Handeln aus Erkenntnis mittels moralischer Phantasie immer mit der Suche nach einer wesensgemäßen Gestaltung sich verbindet (siehe den Beitrag von Roland Halfen). Gerade in dieser Art, sich existenziell mitten in die Polarität von Geist und Materie hereinzustellen – sie dadurch überbrückend – liegt für mich das Spezifische der Anthroposophie. Aus dieser Haltung heraus bewegt sich auch Andreas Laudert auf »verwaisten Brücken«, wenn er den Konflikten in der anthroposophischen Bewegung nachgeht.

 

Ihr Stephan Stockmar