Die Drei 12 / 2004

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

»Und das Wort ist Fleisch geworden.« – Zu dieser Kennzeichnung des Weihnachtsereignisses durch das Johannes-Evangelium steht die Auffassung der gegenwärtigen Neurobiologie in einem krassen Widerspruch. Für sie existiert kein Geistiges. Auch was im Menschen als Bewusstsein auftritt, ist für sie bloßes Epiphänomen der Materie (siehe Ralf Sonnenbergs Einleitung zu unserer neuen Serie über Geist, Gehirn und Bewusstsein). Und selbst wenn von Geistigem ernsthaft gesprochen wird, wird es oft als letztlich wesenlose Abstraktion aufgefasst. Seine Verwesentlichung bis in die sinnliche Erscheinung – Inkarnation – scheint eine absurde Vorstellung zu sein, solange kein Vertrauen in die innere Selbstwahrnehmung besteht.

Diese Situation führt in eine tiefe Verunsicherung, z.B. auch bezüglich dessen, was Kunst ist. Was tritt mit dem Kunstwerk in die Erscheinung? Was treibt den Künstler zum Schaffen an? Kunst steht heute hoch im Kurs, nicht nur, was die Preise betrifft (Ruth Walker betrachtet in ihrem Beitrag das zum bisher höchsten Preis verkaufte Gemälde). Die Menschen stellen sich Stunden um Stunden an, wenn große Kunst zu sehen ist, wie in diesem Jahr z.B. in der MoMa-Ausstellung in Berlin. Das hängt sicherlich nicht nur mit der Event-Kultur zusammen, sondern ist auch Ausdruck einer realen Sehnsucht.  Mir scheint es nicht zufällig, dass in jüngster Zeit wieder ernsthat die Frage aufgeworfen wird: Was ist Kunst? – nachdem sie lange Zeit ganz in die Beliebigkeit des Marktes gestellt war.

Wo finden wir heute Kunst? Lässt sie sich überhaupt noch präsentieren und dann konsumieren? Geht es um Wünsche oder um Wirklichkeiten? Auch da, wo Neues versucht wird, herrscht oft Scheitern: »Ich suche einer seelischen und geistigen Wirklichkeit künstlerischen Ausdruck zu verleihen und bringe weiter nichts zuwege, als deine Anregungen mehr schlecht als recht nachzubuchstabieren«, jammert Boris in der Erzählung von Stefan Weishaupt gegenüber Schwarz. Dieser kann ihm nur antworten: »Wichtig ist einzig, dass du deine Entscheidung selbst in Leben verwandelst.« – Kunst findet heute also zuallererst im eigenen Leben statt – ganz im Sinne der Fleischwerdung des Wortes. Solange dies nicht gelingt, ist Kunst auch sonst nirgends zu finden. Aber wenn es gelingt, herrscht auch Schönheit, die bereits im Auge des Betrachters beginnt. Und dann »fühlt sich die Seele in der Welt zu Hause.« (John O‘Donohue).

Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr!

 

Ihr Stephan Stockmar