Die Drei 12 / 2003

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

das Schicksal geht eigenartige Wege, und zu einer Biografie gehören manchmal Ereignisse und Wendungen, die man sich im Vorhinein nie hätte ausdenken können. So berichtet Branko Ljubic von dem Belgrader Finanzbeamten Mile Galovic, dass sich dieser in jungen Jahren in einer so schweren Krise befand, dass er sich das Leben nehmen wollte. Der herrschende Materialismus und das Gefühl der völligen eigenen Unzulänglichkeit ließ ihn am Sinn des Lebens verzweifeln: Er schoss sich eine Kugel in den Kopf. Doch er überlebte, genas und nahm seine vorige Arbeit wieder auf. Ja, es zeigte sich, dass er nun gewisse Dinge besser verstehen konnte als zuvor. Kurze Zeit später hörte er einen Vortrag über Anthroposophie. Er wurde Mitbegründer der Anthroposophischen Gesellschaft in seinem Land und entschloss sich – ohne zunächst Deutsch zu können –, die Werke Rudolf Steiners ins Serbische zu übersetzen. Das alles ist nachzulesen in der von Bodo von Plato herausgegebenen Sammlung biografischer Portraits »Anthroposophie im 20. Jahrhundert« (siehe Enno Schmidts Besprechung in diesem Heft).

In der uns jetzt bevorstehenden Weihnachtszeit, jener Zeit der heiligen zwölf Nächte, in der wir uns mehr als sonst im Jahr nach innen wenden, fällt gewiss auch ein Blick auf das eigene Leben: ein Rückblick und ein Vorblick auf das letzte und das kommende Jahr und darüber hinaus. Nicht immer oder vielleicht einfach auch jetzt noch nicht werden wir darin die Momente finden, die unser Leben verändert haben, vielleicht weil wir nicht genügend Abstand haben, vielleicht weil wir noch nicht alt genug sind, oder weil erst noch zu vollbringen ist, was ein bestimmtes, schon erlebtes Ereignis in uns veranlagt hat. Aber aus der Kenntnisnahme anderer Biografien darf man das Vertrauen schöpfen, dass es sich runden wird, dass es ein Motiv, einen Sinn haben wird. An der Jahreswende kann man sich im Rück- und Vorblick wie ein Künstler erleben, der ein Werk schafft, das er nicht bis ins Letzte planen kann, um es nicht vorab schon zu töten, der aber im Vorangegangenen das Kapital findet, das immer weiter zu seinem Ertrag führt – in »stillem Reifen« (Christian Morgenstern).

Die Redaktion wünscht Ihnen frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr –

Ruth Ewertowski, Ralf Sonnenberg, Stephan Stockmar