Die Drei 12 / 2002

Buchbesprechung

 

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Entwicklung mit offenem Ende  

Gerd-Christian Wegener: Projekt Menschwerdung. Streifzüge durch die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg und Berlin 2001. 168 Seiten, 19,95 EUR.

 Was ist nur los mit unserer Lesekultur? Längst wird ihr Tod beklagt. Aber tot ist sie natürlich noch nicht – nur hat sie es heute sehr schwer und wird es immer schwerer haben … Was das mit dem hier besprochenen Werk zu tun hat? Sehr viel, wie ich meine, direkt und indirekt. Stärker denn je sind wir heute optisch orientiert – Bilder wollen und brauchen wir. So erwartet man in einem Buch Illustrationen – obgleich ja das Lesen selbst schon genügend den Sehsinn beansprucht. Sie erleichtern uns den ersten Zugang zu dem Buch, erleichtern den Einstieg zum Lesen (oder bewirken, dass man sich mit dem Angucken der Bilder und dem Lesen der Bildunterschriften begnügt). Nicht so bei diesem Werk: Die Bebilderung – mit sicherlich hohem intellektuellen Anspruch von Wolf Erlbruch, Professor für Illustration an der Bergischen Universität Wuppertal, angefertigt – erschwert den Zugang, denn sie hat wenig mit dem Inhalt zu tun. Assoziationen zum Text sind erkennbar (etwa beim Titelbild, wenn ein Affe mit Menschenmaske und ein Mensch mit Affenmaske gezeigt werden), der künstlerische Wert mag hoch sein (ich gestehe, ich mag die Grafiken nicht) – einen ergänzenden Informationswert aber haben diese Bilder nicht, sie laufen in allzu loser Verbindung neben dem Text her und sind damit, genau genommen, überflüssig. Aber wir wollen ja Bilder …

Ohne Frage ist Lesekultur etwas, was nun wirklich von Menschenaffen und unseren biologischen Vorfahren – selbst im Ansatz – nicht zu erwarten ist. Die Lesekultur selber droht heute jedoch allgemein zu verkommen: nur kurze, prägnante Sätze werden erwartet; lange Texte, bei denen man mitdenken muss, gelten als verpönt, die optische Gestaltung wird wichtiger genommen als der Inhalt – usw. Zu dieser verkommenen Lesekultur aber steht das hier besprochene Buch, wenn man nur den Text liest (wie übrigens auch die vorliegende Zeitschrift), im krassen Widerspruch. Zum Glück!

Überwindet man nämlich die Widerstände, die von der Ausstattung ausgehen, findet man einen angenehm zu lesenden und doch anspruchsvollen Text vor, dessen Lektüre bereichert und durch die typografische Gestaltung auf feine Art erleichtert wird. Dennoch muss auch zum Text eine Warnung ausgesprochen werden: Dies ist kein Sachbuch, das den gegenwärtigen Forschungsstand zum Thema Evolution des Menschen darstellt – konsequenterweise gibt es weder ein Register noch Literaturhinweise. (Auch das gehört zur Lesekultur: Weiterführende Literaturhinweise sind das mindeste, was man erwarten kann.) Immerhin gibt es vorne eine Zeittabelle, die mit dem Auftreten der ersten Hominiden (Australopithecinen) vor 4 Millionen Jahren beginnt und mit der Veröffentlichung der Darwinschen Evolutionstheorie vor 141 Jahren endet.

Titel und Untertitel kennzeichnen die Absichten des Buches allerdings vollkommen korrekt, es wird also auch gar nichts anderes vorgetäuscht: Tatsächlich handelt es sich um eine Sammlung von klugen Essays, nach Themengruppen geordnet, unter dem Blickwinkel einer möglichen Zukunft, »Streifzüge« eben, in denen der Mensch als »Projekt« mit offenem Ausgang betrachtet wird.

Leben und Überleben – Mythos und Religion – Werkzeug und Wissen – Umwelt und Ernährung – Verständigung und Verträglichkeit, das sind die Themen der fünf großen Essays, verfasst von Gerd-Christian Wegener, dem Direktor des Neanderthal-Museums in Mettmann bei Düsseldorf. Hinzu kommen (auf grau unterlegten Seiten) einige Informationstexte z. B. zu den Merkmalen und Fähigkeiten, die eindeutig den Menschen vom Tier unterscheiden, zum Menschenfressermythos, zu Religion und Sinnfindung heute sowie zu dem »Dauerthema« Mann und Frau. Man kann diese grau unterlegten Seiten als ersten informativen Leitfaden benutzen.

Die Frage nach der Geschlechterrolle und ihrer biologischen Fixierung mag als Beispiel dienen: Trotz der schwierigen Quellenlage lässt sich klar herausarbeiten, dass die Geschlechterrollen nichts anderes als »soziale Konstrukte« sind »und damit Zeugnisse kultureller Kreativität«. Der grundlegende Umbruch muss sich nach der letzten Eiszeit mit dem Übergang vom Jagen und Sammeln zu Feldbau und Viehzucht vollzogen haben – offenbar teilweise aktiv von den Frauen selbst gesteuert. War vorher die Stellung der Frau mehr oder weniger gleichwertig gewesen (dafür sprechen sowohl die Darstellungen in der Kunst der letzten Eiszeit als auch die Grabbeigaben), so übernahmen Frauen seinerzeit unter dem Druck der neuen Arbeitsbelastungen zunehmend den nicht-öffentlichen, den »privaten« Teil des Lebens. Vor rund 10.000 Jahren! In den gegenwärtigen Gesellschaften der Postmoderne bemühen sich Frauen hingegen (so der Autor), wieder an die Rollen der letzten Eiszeit anzuknüpfen – den Rückzug ins Private aufzuheben, eine dem Mann gleichwertige Stellung im öffentlichen Raum (im Arbeitsleben) zurückzugewinnen.

Das Beispiel zeigt ein grundlegendes Dilemma dieses und ähnlicher Werke. Immer wieder ist von der »kulturellen Evolution« die Rede, die angeblich die »biologische Evolution« abgelöst habe (und sich ebenso in unfassbar langen Zeiträumen abgespielt haben soll?). Verkannt oder ignoriert wird dabei jedoch, dass eine Entwicklung in der Kultur durch das Einwirken der Ichkräfte prinzipiell und qualitativ etwas anderes ist als die Entwicklung des Lebendigen – ja, der Begriff Evolution muss in der Verknüpfung mit Kultur überhaupt als fragwürdig angesehen werden. Die Gegenwart der Vergangenheit sei das Hauptanliegen, »das Kernthema« dieses Buches, heißt es schon auf dem Rückseitentext. Soweit, so gut – doch darf man die Vergangenheit dabei nicht als Entwicklung mit einer starken Zwangsläufigkeit auffassen (wie es im biologisch-naturwissenschaftlichen Denken üblich ist). Sicherlich ist die – kulturelle ! – Vergangenheit immer gegenwärtig, aber nicht als vorgegebene Entwicklung, die nach 10 000 Jahren endlich – wiederum mit einer gewissen Zwangsläufigkeit – überwunden werden kann, sondern als Modell, das im individuellen geistigen Bemühen zum Vorbild dienen darf.

Es spricht folglich auch nichts dagegen, wenn bei der Suche nach angemessenen gesellschaftlichen Formen in der »vernetzten Welt des globalen Dorfes« die Antwort in der Vergangenheit gesucht wird. Sätzen wie den folgenden kann man aber nur bedingt zustimmen: »Soziale Gleichheit, Individualität und Mobilität – der Dreiklang des politischen Systems der Jäger und Sammler – sind inzwischen allgemeine politische Forderungen und vielfach bereits reale Bedingungen in den demokratischen Gesellschaften der Gegenwart. Die erst mit dem Neolithikum einsetzende politische und soziale Ungleichheit hat nach zehntausend Jahren zunehmender hierarchischer Gliederung der menschlichen Gemeinschaften offenbar einen Wendepunkt erreicht. Aus der Entdeckung der urgeschichtlichen Vergangenheit erwuchsen eine neue Öffnung der Gesellschaft und der Rückbau ihrer sozialen Asymmetrien …« Wird hier nicht Wunschdenken mit politisch-sozialer Realität verwechselt ?

Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert und sei jedem empfohlen, der sich für gesellschaftliche Prozesse interessiert und Anregungen für das eigene praktische Handeln sucht, auch wenn er nicht jeder Schlussfolgerung zustimmen wird.                                  Helge Mücke