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Totensuche und Totenerweckung
Patrick Roth: Ins Tal der Schatten, Frankfurter Poetikvorlesungen. Mit einem Auszug aus Patrick Roths zweiter Poetikvolesung auf CD. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002. 174 Seiten, 11,50 EUR.
Schreiben, so Patrick Roth, ist Totensuche und Totenerweckung. Von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, sucht der Autor nach dem, was in ihm tot, vergessen, schlafend liegt. Es ist seinem Bewusstsein entzogen und doch irgendwie da, denn sonst gäbe es ja keine Suche. Wie Orpheus seine Eurydike verlor und ins Tal der Schatten stieg, um sie wieder zu holen, wie Maria Magdalena ans Grab ging, um ihren Herrn zu suchen, den sie weggenommen wähnt, den sie aber dann als auferstanden erkennt, so begibt sich der Autor auf die Suche nach dem ihm Teuersten, seinem Erzählstoff. Findet er ihn, so ist das wie ein Wiedererkennen, denn irgendwo tief in ihm war ihm das Gesuchte längst bekannt. Das heißt also er er-findet nichts, sondern birgt einen verlorenen Schatz. So ist Dichtung immer Wirklichkeit – no fiction –, freilich die Wirklichkeit des Seelischen, des Mythischen, des Biblischen.
Die Frankfurter Poetikvorlesungen, die 1959 mit Ingeborg Bachmann begannen, sind dazu da, Einblick in die Werkstatt eines Schreibenden zu geben. Für den Autor ist das die Gelegenheit, sich seiner eigenen »Methode« zu versichern, indem er seine Wege offenbar macht und die Karten auf den Tisch legt. Ob es sich dann tatsächlich so verhält – wer weiß? Die schönsten Früchte von Roths Vorlesungen sind jedenfalls weniger die seiner poetologischen Reflexionen als die, in denen er doch wieder in sein eigentliches Metier findet: in das Erzählen. So ist er überall da stark, wo er den Weg ins Tal der Schatten und die Auferweckung der Toten ins unmittelbare Erleben bringt, wie er es ja auf so faszinierende Weise in seinen Romanen getan hat, vor allem in »Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten« (1993) und in »Corpus Christi« (1995), wo es jeweils ganz konkret um das geht, was normalerweise für »bloße« Fiktion gehalten wird, nämlich darum, dass Tote wieder lebendig werden. Nicht die Dozentur, nicht das Reden über das Wie, sondern die bestandene »Orpheussekunde«, die Eurydike nicht wieder verliert, weil das Vertrauen in ihre Wikrlichkeit da ist, oder die »Magdalenensekunde«, in der die Gerufene ihren Herrn wiedererkennt und so beide neu geboren werden, das sind die Momente von Roths Meisterschaft. Und er spart auch – Gott sei Dank – in seinen Vorlesungen nicht damit, denn sie sind durchsetzt von Kabinettstückchen seiner Erzählkunst. Um derentwillen lohnt sich die Lektüre. Da ist die Geschichte von dem fast 100-jährigen Mann mit Namen Lou, der nach dem Tod seiner Frau sein Haus in Hollywood verkaufte und seitdem nicht mehr dorthin zurückgekehrt ist. In diesem Haus starb seine Frau. Lou hätte sie damals noch lebend finden können – wie der Arzt später meint –, wäre er nicht beim Nach-Hause-Kommen, sie suchend, an dem Sessel vorbeigelaufen, in dem er sie dann, als es schon zu spät war, wie weggenickt fand. Vorbeigelaufen, gerade als sie starb. Diese unendlich tragische Sekunde begleitet den Mann den Rest seines langen Lebens. Sie lässt ihn leben, ja hält ihn vielleicht am Leben, aber unerlöst. Von Patrick Roth nach dem Geheimnis befragt, wie er denn geistig und körperlich so auf Draht geblieben sei, antwortet er stolz »No fiction«, das sei sein Geheimnis: keine Bücher, kein Kino, keine Märchen, nur die »L.A. Times«, Nachrichten, Dokumentarfilme, Sport, nichts Erfundenes. Aber er träumt. Er träumt jede Nacht von seinem Haus in Hollywood – ausgerechnet in Hollywood, der Keimzelle der »Fiktion« –, und zwar von Dingen, die so nicht der früheren »Wirklichkeit« entsprechen. Roth überredet ihn zu einer Reise in die Vergangenheit. Sie suchen gemeinsam die alten Straßen, die Arbeitsstelle und das Haus auf; doch hat sich alles völlig verändert.
Das ist enttäuschend: Die Wirklichkeit ist einfach anders als der Traum, als die Erinnerung; so scheint es. Ein nächtlich abenteuerliches Schleichen um das frühere Haus führt für Roth zu einer bedrohlichen Begegnung mit dem jetzigen Besitzer, der mit einer Pistole fuchtelt. Der alte Mann ist plötzlich verschwunden. Doch schließlich findet ihn Roth am Auto wieder, und zwar wider Erwarten glücklich, denn in den Händen hält er den blattlosen Zweig eines Feigenbaums, von dem früher seine Frau Besuchern einen Zweig abbrach mit der Aufforderung, ihn in Wasser zu stellen, bis sich in ein paar Tagen Wurzeln daran zeigen würden. So sagt auch Lou jetzt: »If you stick that in a bottle of water, it´ll root« und meint das nicht nur allgemein, sondern meint seinen Begleiter damit, Patrick Roth. Lou hat tatsächlich aus der Unterwelt seines unerlösten Unbewussten etwas mitgebracht. Mit dem Zweig jenes Feigenbaums hat er – so Roth – seine Erinnerung vor der Nostalgie gerettet, vor der Verklärung, vor der Fiktion. – Da spielt es nun keine Rolle, ob Roth diese Episode, tatsächlich erlebt hat oder ob sie selbst schlicht das Ergebnis seiner, also eines Schriftstellers Totensuche und Totenerweckung ist.
Was »wirklich nur« Fiktion ist und was die so genannte »Wirklichkeit«, das lässt sich so leicht nicht sondieren oder ist nur getrennt, um auch ineinander zu einer höheren und intensiveren Realität überführt werden zu können. Im Grunde ist es wohl diese Überlagerung, diese Überblendung, dieser »Dissolve«, wie es Roth mit einem amerikanischen Begriff aus der Filmsprache nennt, was sein eigentliches poetologisches Prinzip ausmacht. So lebt auch die in die zweite Vorlesung eingebettete Erzählung von einem Sich-Durchdringen von Fiktion und Wirklichkeit, denn hier schieben sich die diversen Ebenen unserer Lebenswelt ineinander, um gerade so zu einem neuen, nahezu exstatischen Erlebnis zu werden: So gewinnt eine Begegnung Roths mit einer Schauspielerin gerade ihre in einem hohen Sinn erotische Dimension aus dem Wissen beider um das Liebesverhältnis in einer beiden bekannten Erzählung, die verfilmt werden soll. Wie von selbst geschieht es, dass beide zwischen den klapprigen Filmkulissen das Stück Literatur in ihrem Gespräch darüber nach- oder besser neu erleben. Beide wissen um ihre reale Nähe zur Erzählung. Das macht die Situation auf unerhörte Weise spannend, weil sie ist wie eine Wiedererweckung der Toten. Da ist es dann nur das Tüpfelchen auf dem i, dass die Erzählung, die dieser Episode zugrunde liegt, »The Dead«, »Die Toten« aus James Joyces »Dubliners« ist.
Nicht dass Patrick Roth die Grenzen zwischen der Welt der Toten und der Lebenden, zwischen Literatur und Wirklichkeit aufhebt, nein, seine Literatur lebt gerade aus dem Unterschied, das ist ihr Eros, der ja überhaupt nur sein kann, wo es Pole gibt, die sich anziehen und die für Momente eins werden. Das sind die Sekunden einer höheren Wirklichkeit, die beide Reiche umfasst.
Ruth Ewertowski