Die Drei 12 / 2002

Buchbesprechung

 

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Philosophie des Übergangs

 Ken Wilber: Einfach »Das«. Tagebuch eines ereignisreichen Jahres. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001. 479 Seiten, 19,90 EUR.

 Wer wollte schon einmal in das Bewusstsein, in die täglichen Gedanken und Erlebnisse eines Denker-Philosophen und zugleich zeitgenössischen Eingeweihten eindringen? Ihn in seinem Alltag, durch seine Augen begleiten, seine Begegnungen mit Geist und Welt mitvollziehen?

Die Möglichkeit dazu ist jetzt da. Ken Wilber ist der weltweit wichtigste geistrealistische Denker der Gegenwart. Er ist mehr als ein Philosoph, und er ist weniger als ein Prophet: ein richtungsweisender Vertreter einer neuen Art des Denkens, welche die Gegenwart wie nichts anderes braucht. Er ist der wahre Philosoph am Beginn des 21. Jahrhunderts, weil das Denken bei ihm aufhört, Philosopie zu sein: er verwirklicht auf wissenschaftlicher Grundlage, was das fortgeschrittenste Denken (Heidegger, Buber, Scheler, Chardin) des 20. Jahrhunderts immer nur forderte, nämlich den Übergang der Philosophie in Geist – als reale ontologische Wirklichkeit hier und jetzt.

Wilber vertritt einen neuen, integralen Geistrealismus, den er erkenntniskritisch begründet und interdisziplinär in einer großen Gesamtschau aller Wissenschaften zu synthetisieren sucht. Darin enthalten sind erste Ansätze einer Vereinigung von Realismus und Nominalismus. Mit seiner erstaunlichen Produktivität hat er in den vergangenen drei Jahrzehnten viele Fachgebiete befruchtet: von der Anthropologie bis zur Evolutionstheorie, von den Geistes- und Kulturwissenschaften bis hin zur Wirtschafts- und Sozialtheorie. Bereits mit 23 Jahren schrieb Wilber sein erstes bahnbrechendes Buch »Das Spektrum des Bewusstseins«, das ihm in der amerikanischen Öffentlichkeit den Titel eines »Einsteins der Bewusstseinsforschung« eintrug. Danach folgte fast jedes Jahr ein neues Buch. Derzeit arbeitet Wilber an dem zweiten Teil seiner großen »Kosmos«-Trilogie, der den Arbeitstitel »The Spirit of Post/Modernity«  trägt und zum Ziel hat, erstens kritisch den spezifischen Geist der Gegenwart, also der Postmoderne herauszuarbeiten und zweitens diese Postmoderne aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus zu vergeistigen. Man darf mehr als gespannt sein. Wilber ist seiner persönlichen geistigen Methode nach Zen-Buddhist und meditiert seit seinem 17. Lebensjahr. Obwohl er immer wieder darauf angesprochen wurde, war bisher über sein privates inneres Leben wenig bekannt. Das hat damit zu tun, dass er sich selbst nicht als Guru, sondern nur als »Gelehrten« (indisch: bandit) ansieht und deshalb keine falschen Erwartungen wecken will. Sein Tagebuch »Einfach ›Das‹« bricht nun mit diesem lange aufrechterhaltenen Tabu.

Der Leser kann, neben Einblicken in Wilbers gewöhnlichen Tagesablauf, Vertragsverhandlungen zu einem neuen Buch, Besuch einer Rave-Party und amosurösen Abenteuern, vor allem auch intime Vorgänge im geistigen Leben Wilbers konkret mitvollziehen. Von der meditativen Betrachtung des Schnees unter den Kiefern vor seinem Haus, über eine genaue Beschreibung eines mehrere Tage anhaltenden Einweihungszustandes im Nirvikalpa-Samadhi, der auch durch den Schlaf hindurch anhält, über den »einen Geschmack« alles Seienden in der geistigen Verwirklichung, über die konkrete Erfahrung der ursprünglichen Einheit von Materie und Geist bis hin zu einem Bericht über die naturwissenschaftliche Aufzeichnung seiner – dem traumlosen Tiefschlaf entsprechenden – Gehirnströme im Nirvikalpa-Samadhi reicht das Spektrum. Dabei sind Wilbers Aufzeichnungen stets konkret, kurz, einfach, direkt, ehrlich und offen. Sie ziehen dadurch den Leser in sein eigenes Bewusstsein hinein, und es gibt wohl kaum etwas Faszinierenderes, als in diesem Bewusstsein einige Zeit lang mitzuleben. Denn man kann dabei, abgesehen von der Perspektive, die sich eröffnet und den zahllosen Details, die in einem neuen Licht erscheinen, viele eigene »geheime« Erlebnisse wiederentdecken, die man vielleicht zu wenig beachtet hat, die aber die Keime zu Umfassendem in sich tragen.

All dies macht dieses Tagebuch für mich zu einem der lesenswertesten Bücher, die ich kenne. Es inspiriert, weil es so radikal individuell und eben deshalb so radikal offen ist, weil es so stark in einem hochentwickelten individuellen Gedankenstrom steht, pointierte Eindrücke aus einem unmittelbaren Wahrnehmungsbewusstsein wiedergibt und deshalb auch Widersprüche möglich macht.

Unter den zahlreichen Stellen, die besonders hervorgehoben werden könnten, möchte ich hier Wilbers Beschreibung des idealen Lehrers anführen, der nicht erklärt, sondern zeigt. Aber auch seine Beschreibung der umfassenden geistigen Welt-Entwicklung verdient Aufmerksamkeit. In einem genialen Gedankenblitz spannt der Autor einen großen Bogen der Geistesgeschichte, welcher Vergangenes und Gegenwärtiges in eindrucksvoller Klarheit erscheinen lässt.

Wilber deutet die geistige Weltentwicklung als Aufstiegsbemühungen, als Zeitalter auch der großen Religionsstifter, die sich von der materiellen Welt emanzipieren und über sie hinaus transzendieren wollten. Er nennt das die »duale Phase« des Geistes. Für die Gegenwart konstatiert er nach Erreichung der transzendentalen Sphäre durch die großen geistigen Traditionen eine »Neuentdeckung der Welt« und folgerichtig den Abstieg des Geistes in die Materie hinein, die Wilber als »nichtduale Revolution« bezeichnet. Der Geist versucht, die Materie als Teil seiner selbst zu begreifen und erlebend eine große Einheit herzustellen. »Wir leben heute in einem besonderen Augenblick der Geschichte, in dem sich die … großen nichtdualen Strömungen zu vereinigen beginnen. Die neuplatonischen und idealistischen Strömungen des Westens mit ihrem naturwissenschaftlichen Ableger der Evolutionslehre wachsen heute mit den großen nichtdualen … Schulen des Ostens zusammen. … Das Ergebnis ist der allgemeine integrale Ansatz, an dem heute in seinen verschiedenen Formen weltweit Hunderte von Forschern mitarbeiten.  … Seine Entwicklung schreitet erfreulich voran.«

Obwohl Wilber am Anfang betont, sein Tagebuch sei seinem eigenen Eindruck nach zuletzt doch eher philosophisch als persönlich, sind beide Elemente hier in der anregendsten Weise miteinander verbunden. Höchste philosophische Gedanken und intimste Details geistigen Erlebens verbinden sich zu einem unmittelbaren Lebendigwerden als Einheit, die großartig wirkt. Ein geistiges Leben, was ist das? Das Tagebuch erzählt es, und zwar ohne jede Attitüde oder Verstellung. Dabei ist es von einer Stimmung getragen, die zur Stimmung des Lesers wird:

»Es gibt nur Einen Geschmack im ganzen Kosmos, und dieser Geschmack ist das Göttliche, ob es im Fleisch, in der Seele oder im Geist aufleuchtet. Wer in diesem Einen Geschmack ruht und so über das Irdische hinausgehoben ist, für den erhebt sich die Welt in reinster Freiheit und strahlender Befreiung; er ist glücklich bis in die Unendlichkeit, verloren in aller Ewigkeit und hoffnungslos im ursprünglichen Antlitz des unerbittlichen Mysteriums. Vom Einen Geschmack gehen alle Dinge aus, zum Einen Geschmack kehren alle Dinge zurück, und dazwischen, im Verrinnen dieses Augenblicks, gibt es nichts als den Traum – und manchmal den Albtraum, aus dem wir erwachen müssen.«

Über Ken Wilber wäre freilich noch viel zu sagen. Ich hoffe es an anderer Stelle in umfassenderer, eingehenderer und kritischerer Weise zu tun. Vor allem wäre vieles zu sagen über ihn aus anthroposophischer Sicht, insbesondere über das künftige Verhältnis zwischen Anthroposophie und der von Wilber ins Leben gerufenen, weltweit  immer konkretere Züge annehmenden integralen Wissenschafts-Bewegung. Diese Wissenschafts-Bewegung ist seit einiger Zeit auch in Europa in starker Entwicklung begriffen, was nicht nur steigende Auflagen und zunehmende öffentliche Diskussion von Wilbers Büchern, sondern auch die 2000 erfolgte Gründung des europäischen Ablegers seines 1999 in Boulder, Colorado gegründeten »Integral Institute« durch seinen niederländischen Übersetzer Frank Visser zeigt.

Wilber ist der erste große Denker einer ersten wirklichen Welt-Philosophie, die sich heute konkret durch das geistige Zusammenwachsen von Ost und West auf globaler Ebene abzeichnet. Aufgabe der europäischen neoplatonischen Tradition – darunter in hervorragender Weise der Anthroposophie – ist es, sich mit diesem Unternehmen kritisch-produktiv auseinanderzusetzen und sich aktiv daran zu beteiligen, um ihm dabei zu helfen, die nötige Tiefe, Breite und Substanz zu gewinnen, und auch um eine gewisse, außerordentlich wichtige mitteleuropäische Färbung einzubringen. Das soll durchaus ein Aufruf zur aktiven Beteiligung an diesem epochalen Unternehmen sein.         

   Roland Benedikter