Die Drei 12 / 2002

Buchbesprechung

 

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Entdeckung des Ich

 Richard van Dülmen (Hg.): Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Böhlau Verlag, Köln 2001. 638 Seiten, 66 EUR.

 Die Geschichte der Individualisierung ist in den letzten Jahren, insbesondere vor dem Hintergrund historisch-anthropologischer Forschung, neu geschrieben worden. Gegenstand solcher Untersuchungen bildeten Fragestellungen der geschichtlichen Entwicklung des subjektiven Individualitätsbewusstseins und der Formen gelebter Individualität. Ging man früher allgemein davon aus, die »Entdeckung des Ich« als Bereich der Selbstcharakterisierung, Selbstreflexion und Introspektion habe in der  Renaissance begonnen, so weiß man heute, dass bereits das Hoch- und Spätmittelalter Ansätze zur verstärkten Herausbildung der Individualität kannte. Im 13. Jahrhundert entstand in Frankreich eine neuartige Gattung von Autobiografien, deren Inhalte mit herkömmlichen Mustern höfischer Selbstdarstellung brachen, weil sie die Individualität des Autors zumindest ansatzweise hervortreten ließen.

Bereits im Vorfeld der nominalistischen Neubewertung des Individuums, wie sie sich etwa in den philosophischen Studien Wilhelm von Ockhams (um 1280- um 1348) abzeichnete, entstand ein neuer Typus von Heiligenbildnissen, die einen von stereotypen Formeln befreiten seelischen Ausdruck erkennen ließen. Zur Inszenierung des Individuums gehörte auch eine neuartige Bildregie: Durch den aus dem Porträt heraus gerichteten Blick machten Maler wie Jan van Eyck (um 1390-1426) den Betrachter auf eigentümliche Weise zum Betrachteten, stellten eine neuartige Interaktion zwischen den Realitätssphären inner- und außerhalb des Bildes her, die zum Charakteristikum der neuen visuellen Deutung des Menschen überhaupt wurde: Gleich zweifach wurde die Welt des dargestellten Individuums somit erweitert: Nach innen zu einem eigenen Erscheinungs- und Handlungsraum hin, nach außen im direkt auf den Betrachter gerichteten Blick.

Dieser Sammelband vereinigt  Beiträge von Historikern, Soziologen, Philosophen, Kunstwissenschaftlern und Mentalitätsforschern, welche die wechselvolle eintausendjährige Geschichte der Individualisierung in Europa aus dem Blickwinkel und mit den Methoden ihrer jeweiligen Fachdisziplin nachzuzeichnen bemüht sind. Die Ergebnisse der Annäherungen zeigen, dass sich vom Spätmittelalter an bis zur Gegenwart in unterschiedlichen sozial-kulturellen Milieus und bei beiden Geschlechtern immer wieder der Wunsch, aber auch Freiräume zur individuellen Gestaltung einzelner Lebensbereiche nachweisen lassen. Menschen erscheinen somit zu keinem Zeitpunkt der Geschichte als passive Subjekte, als welche sie oftmals von  sozialwissenschaftlich orientierten Historikern beschrieben wurden, die aufgrund ihrer Vorliebe für die  Analyse sozio-ökonomischer Bedingungsfaktoren den sein Schicksal  gestaltenden Protagonisten vielfach aus dem Blick verlieren.

Der von den Autoren gespannte Darstellungsbogen erstreckt sich von Themen wie der »Ich-Darstellung in der volkssprachigen Literatur«, über die Wahrnehmung des individuellen Körpers in der Literatur und Ikonografie der Frühen Neuzeit bis hin zu Fragen der modernen Gentechnologie, deren Utopie des »geklonten Menschen« die Zukunft von Individualität zumindest fragwürdig erscheinen lässt.  Doch trotz der  geballten akademischen Kompetenz, die hier versammelt ist, hat das opulente Werk eine nicht unerhebliche Schwachstelle: Die Verfasser gehen leider kaum der Frage nach dem Individuellen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts wie überhaupt philosophischen Aspekten dieses Themas nach. Dabei könnte man gerade anhand der Ideen- und Philosophiegeschichte Fragestellungen vertiefen, welche die Autoren in ihren Beiträgen zwar nicht direkt ansprechen, die sich dem anthroposophisch interessierten Leser jedoch auf Schritt und Tritt aufdrängen: so etwa die Frage nach dem Verhältnis von leiblich gestütztem, erinnerungsartigem Ich-Bewusstsein und einem Ich-Denken, dass sich aufgrund der seelisch beobachtenden Zurückdrängung der Leibesorganisation in den Akten seines Vollzuges selber realisiert.

Die Autoren dieses Bandes diskutieren zwar äußere Bedingungen und Katalysatoren der Individualisierung wie beispielsweise die Erfindung neuer Techniken oder die zunehmende Urbanisierung während des Spätmittelalters, doch ist damit noch nicht geklärt, warum  gerade in diesem Epochenabschnitt Menschen vermehrt danach suchten, sich auf individuelle Weise Ausdruck zu verschaffen und damit innerhalb von nur  wenigen Jahrhunderten einen Entwicklungsprozess einleiteten, den wir heute als Beginn der Neuzeit bezeichnen. Denn Voraussetzungen wie funktionierende Infrastrukturen oder technische Innovationen teils beachtlichen Zuschnitts gab es bereits in der Zeit des Römischen Imperiums oder in den frühen Städtebaukulturen Vorderasiens, ohne dass dies zu einem vergleichbaren Quantensprung in der Herausbildung und Konsolidierung der Individualität und damit zum Durchbruch der Neuzeit geführt hätte.               Ralf Sonnenberg