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Bilder der Pflanze
Volker Harlan: Das Bild der Pflanze in Wissenschaft und Kunst. Aristoteles – Goethe – Klee – Beuys. 236 Seiten, 230 Abbildungen, Johannes M. Mayer Verlag, Stuttgart 2002, 24 EUR.
Meist ist es ja so: Man schlägt ein Botanik-Buch auf, freut sich, wenn man eins gefunden hat, in dem die Pflanze noch gezeichnet wurde, nicht fotografiert, und beginnt interessiert die ersten Zeilen zu lesen. Dann aber beginnt das Problem: man wird mit Informationen und Fachbegriffen so überschüttet, dass man schon nach kurzer Zeit den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und frustriert das Buch beiseite legt.
Dass dem nicht so sein muss, zeigt in beeindruckender Weise Volker Harlans gerade im Johannes M. Mayer Verlag Stuttgart erschienenes Buch, das sich mit der historischen Veränderung der Wahrnehmung des Gestaltwandels der Pflanze befasst. Schon die Auswahl, die er dabei trifft, ist höchst bemerkenswert. Sie führt von der klassischen Wissenschaftstradition, die in der Antike (speziell bei Aristoteles) beginnt über Goethes Metamorphosenlehre bis hin zu Paul Klee und Joseph Beuys, beschreitet also ein Feld zwischen den Disziplinen von Kunst und Wissenschaft.
Den Ausgangspunkt von Harlans Betrachtung bildet die klassische griechische Philosophie, namentlich die des Plato und Aristoteles, deren spezifische Differenz das erste Kapitel herausarbeitet. Für die Wissenschaftstradition bedeutend war dabei eher der Zweite, denn seine Philosophie geht in medias res, während Platon im Bereich der Naturphilosophie eher im Reich des reinen Denkens verbleibt. Die aristotelische Wissenschaftslehre und seine empirischen Untersuchungen waren von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die arabische und die auf ihr aufbauende abendländische Wissenschaftstradition. Während aber Aristoteles gleichsam noch in den Vorarbeiten einer systematischen Pflanzenkunde stecken blieb, wurde der Gestaltwandel der Pflanze erstmals von Goethe in lebendiger Anschauung erfasst.
Die auf seiner italienischen Reise entdeckte »Urpflanze«, das geistige Urbild aller denkbaren wie realen Pflanzenarten, revolutionierte unser Bild von der Metamorphose der Pflanze und kann in seiner Einfachheit und Schönheit die Pflanze in einem Maße erschließen, dass sie auch für den Laien nachvollziehbar bleibt. Goethes Entdeckung der Urform der Pflanze, die er in Versform in der Elegie »Metamorphose der Pflanzen« verewigt hat, ist ein sicherer Geleiter durch das Dickicht der Pflanzenformen als so manches dickleibige Botanik-Buch.
Nicht nur wissenschaftliche Pflanzenfreunde werden erfreut sein, mit welcher Liebe und Detailgenauigkeit Harlan die Vielgestaltigkeit der Pflanzenwelt beschreibt, ohne dass der Versuch ihrer Typisierung dabei aufdringlich oder schematisierend wirkt. Sind die ersten beiden Kapitel der Theorie gewidmet, so folgt diesen eine praktische Betrachtung des Gestaltwandels typischer Pflanzenformen – Rosengewächse, Birke, Hainbuche und Hasel, Kohlgänsedistel und Pfingstrose, Brennessel und vieles andere ist dabei. Begegnen werden dem Leser Seltsamkeiten wie P.J.F. Turpins Versuch, Goethes Urpflanze zeichnerisch umzusetzen, ein Versuch, der das grandiose Missverständnis bezeugt, dem Goethes Metamorphosenlehre schon zu Lebzeiten unterlag. Harlan zeigt dann eine Reihe von Versuchen auf, die Idee der Urpflanze bildnerisch zu erfassen (Carus, Schleiden, Unger und Kerner, Sachs, Troll …). Wirklich künstlerisch überzeugend, das zeigt der Text eindrücklich, werden die bildnerischen Darstellungen im Grunde genommen erst bei Klee und Beuys.
Klee beginnt interessanterweise seine Naturstudien schon in jungen Jahren. Erste erhaltene Blätter, die von einer seltenen Gabe der Naturanschauung zeugen, schuf er schon im Alter von zehn Jahren. Durch die Jahre hindurch wurde Klees Verständnis der Pflanzenmorphologie immer klarer und hellsichtiger und, wenn man so will, auch abstrakter, bis er sich schließlich jener von Goethe beschriebenen Wahrnehmungsweise näherte, mit der es möglich sei, »Pflanzen ins Unendliche zu erfinden«. Klee selbst formulierte: »Aus abstrakten Formelementen wird über ihre Vereinigung zu konkreten Wesen … ein formaler Kosmos geschaffen, der mit der großen Schöpfung solche Ähnlichkeit aufweist, dass ein Hauch genügt, den Ausdruck des Religiösen, die Religion zur Tat werden zu lassen.«
Äußerst genau beschreibt Harlan Klees Versuch, die Kunst aus der Abbildhaftigkeit zu befreien und hin zur Erfahrung und Darstellung ihrer formenden Kräfte zu kommen. Dabei tangiert er nicht nur Klees theoretische Arbeit am Bauhaus sondern vor allem auch dessen bildnerisches Werk. Harlans Fazit: »Die durch Klee entstandenen Gebilde sind in besonderer Weise anregend, den Sinn für die morphogenetischen Gesten der Natur zu öffnen, um dann in dieser selbst diese Gesten und Chiffren aufzusuchen und so vor der Natur so beweglich zu werden, wie es Klee von der Kunst verlangt.«
Den Abschluss der Untersuchung bildet ein Kapitel über »Beuys und die Pflanze«. Harlan, der neben zwei Standardwerken zu Joseph Beuys anlässlich des ersten Joseph-Beuys-Symposions in Basel 1991 in Basel ein Verzeichnis der anthroposophischen Bibliothek von Joseph Beuys veröffentlichte, untersucht im letzten Kapitel die Bedeutung der Pflanze in dem Werk des Künstlers als »Objekt, Bild und Symbol«. An entscheidenden Stellen seines Werkes hatte Beuys immer wieder auf die von ihm entwickelte »plastische Theorie« hingewiesen, derzufolge das Skulpturale kein fixes raumzeitliches Gebilde sei, sondern ein Kontinuum, ein Zeitwesen, das zwischen drei Aggregatzuständen Chaos – Bewegung – Form – wechsele und dementsprechend die Skulptur eine lebendige, raum-zeitliche Form sei. Bei der Beschreibung dieser Form greift er auf die alte paracelsische Trias von sulfur – mercurius – sal zurück, deren Bedeutung auch Rudolf Steiner in vielen seiner Vorträge heraushob. Für Beuys war diese Trias und die mit ihr verbundene plastische Theorie eine universelle Formel, anhand derer man physische, psychische, soziale und geistige Phänomene genau analysieren und in ihrer immanenten Bewegung beschreiben kann. Auch im Zusammenhang mit Pflanzenzeichnungen und –diagrammen taucht sie auf. Harlan untersucht nun einige dieser Diagramme und zeigt, wie die genannte Trias sich in der pflanzlichen Dreiheit von Wurzelstock, Blattmetamorphose und Blühprozess manifestiert und sich hier der Kreis zu Goethes Metamorphosenlehre wieder schließt: Aus der »Urpflanze« Goethes wird im Diagramm ein Urbild, das – wie Beuys immer wieder zeigte – in allen lebendigen natürlichen Gestalten gefunden werden kann, auch im Menschen – in seiner Anatomie, Physiologie, Psychologie und schließlich als Bild für die Gestaltung der Gesellschaft, der »Sozialen Skulptur«.
Der Band ist äußerst schön und übersichtlich gestaltet, mit insgesamt 230 Abbildungen reich ausgestattet und, obwohl er in einer Wissenschaftsreihe – den Schriften des Karl-Schweisfurth-Instituts für Evolutionsbiologie und Morphologie der Universität Witten-Herdecke – erschienen ist, alles andere als ein schwer genießbares Werk. Er wird dem Leser die Freude an einer neuen Sicht auf die Pflanzenwelt vermitteln, die, da sie Kunst und Wissenschaft als eine Einheit begreift, vermutlich zum aktuellsten gehört, was auf diesem Feld derzeit diskussionswürdig ist.
Wolfgang Zumdick