Die Drei 11 / 2004

 

Editorial

 

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser

 

was geschieht nach dem Tode? Gibt es ein Leben nach dem Tod, und wenn ja: Wie kann ich mir eine Vorstellung davon bilden? Ganz sicher kann ich nicht von meinen alltäglichen Erfahrungen im Hier und Jetzt ausgehen. Dieses von einem punktuellen Ich-Bewusstsein ausgehende Dasein muss ich mit dem Tod endgültig hinter mir lassen. Der am 9. Oktober verstorbene Philosoph Jacques Derrida (siehe Nachruf von Roland Benedikter) hat diesbezüglich sicherlich Recht, wenn er in seinem letzten Interview mit Jean Birnbaum sagt: »Zu leben lernen, das müsste bedeuten, zu sterben lernen, zu lernen, der absoluten Sterblichkeit (ohne Heil, weder Auferstehung noch Erlösung – weder für sich selbst noch für den anderen) Rechnung zu tragen, um sie zu akzeptieren. Seit Platon lautet der philosophische Imperativ: Philosophieren heißt sterben lernen.« (Lettre International 66, Herbst 2004).

Heil, Auferstehung, Erlösung sind zunächst zu »dekonstruierende« Begriffe, solange es sich um geronnene Vorstellungen handelt. Von daher ist es auch zu verstehen, wenn Wolfgang Schad seinen Ausführungen über das Leben nach dem Tod methodische Annäherungen voranstellt, in denen er der Frage nachgeht: »Wo beginnt nun die, kraft des Individuums, mögliche Geisterfahrung und wie autonom ist sie gegenüber der Sinneserfahrung?« Ohne die konkrete individuelle Erfahrung von Geistigem im irdischen Leben bleibt ein Reden vom Leben nach dem Tod, von Auferstehung und Erlösung pure Spekulation. Und Geisterfahrung heißt immer auch, die Sinneserfahrung abzulegen, wie es im Tode radikal geschieht.

Enno Schmidt formuliert im Gespräch diesen Sachverhalt auf seine Weise: »Also ganz einfach: Der schön aussehende Baum, bis der ein Bild geworden ist, ist der tot, erst mal.« Nur unter dieser Voraussetzung kann er als Künstler etwas von dem Wesen der Dinge um ihn herum erfassen und zur Darstellung bringen. »Was außen Schönheit ist, wird innen zur schaffenden Kraft.« – Wie aus solch einem inneren Verwandlungsakt der Mensch fähig wird, im nachtodlichen Leben den Fortgang der Natur auf der Erde aktiv zu begleiten – darauf kommt Schad am Ende seiner Ausführungen eindrucksvoll zu sprechen.

 

Ihr Stephan Stockmar