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Goethe und die Heilkunst
Friedrich Husemann: Goethe und die Heilkunst. Einführung in die Denkweise einer neuen Medizin. Hrsg. v. Arnim Husemann. Nachwort von Wolfgang Schad. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2002. 156 Seiten, 15,50 EUR.
Als Friedrich Husemann (1888-1959) vor sechsundsechzig Jahren sein Buch »Goethe und die Heilkunst« veröffentlichte, schrieb er im Vorwort: »Die Krise in der Medizin ist eine Teilerscheinung der allgemeinen Bewusstseinskrise. Die Menschheit ringt heute mehr denn je um den Sinn ihres Daseins. Dieses Ringen äußert sich in seinen Wirkungen auf allen Lebensgebieten.« Das Bedürfnis nach einer »neuen« Medizin, die Heilen im Zusammenhang mit Kunst und Erkenntnis denken kann, ist heute aktueller denn je. So ruft das Buch, das nun in dritter Auflage vorliegt, ein Thema ins Gedächtnis, das in gewisser Weise zeitlos und zukunftsweisend ist:
Friedrich Husemann verdankte die Anregung, sich mit den goethischen Gestalten zu befassen, Rudolf Steiner, dem er als junger Medizinstudent in den Mediziner-Kursen begegnete. Nach seiner psychiatrischen Fachausbildung begründete Husemann 1930 das Sanatorium Wiesneck, das heutige psychiatrische Fachkrankenhaus »Friedrich-Husemann-Klinik« in Buchenbach bei Freiburg. Im Vorwort zur ersten Auflage seiner Goethe-Studien bekennt Husemann: »Die psychiatrische Praxis stellte der Erkenntnis Probleme, deren Lösung mir nur möglich war durch das Beschreiten des anthroposophischen Erkenntnisweges. Dann aber musste ich eines Tages zu meinem Staunen feststellen, dass Goethe diese Probleme wie deren Lösung in ihren Grundzügen bereits geschaut und in künstlerischer Form dargestellt hatte.« Husemann holte sich Zeit seines Lebens Rat bei Goethe, wenn es galt, tiefere Zusammenhänge zu durchschauen, sei es bei seinen Forschungen oder im täglichen Ringen mit seinen Aufgaben als Arzt. Der Dichter Goethe gewann durch seine naturwissenschaftliche Forscherhaltung Einblicke in das menschliche Leben als ein Organisches und damit auch in die geheimnisvollen Zusammenhänge von Seele und Leib, denen er künstlerisch in seinen Dichtungen Gestalt verlieh. Mit Faust, Orest und Iphigenie, Mignon, Makarie und Montan legte er den Grundstein für eine neue, geisteswissenschaftlich fundierte Psychologie. Der künstlerische Blick des Dichters, der immer auf ein Ganzes gerichtet war und ihn schon als Kind Unvollendetes und Einzelnes als Teil einer Gesamtheit empfinden ließ, machte es besonders am Beispiel Wilhelm Meisters möglich, den Blick für Symptome zu schärfen. Die zweite Erkenntnis-Quelle Goethes entspringt seinem Interesse für die Medizin. Goethe war ja bekanntlich wiederholt so krank, dass er um sein Leben kämpfen musste. Die innere Erfahrung der Todesnähe wiederum führte ihn zum Studium der Schriften von Hippokrates, Paracelsus, Basilius Valentinus und anderen alchemistischen Werken. Hier wurzeln auch Goethes lebenslange Entdeckerfreude, seine intuitive Begabung, sein Bedürfnis, Zustände in Begriffe zu verwandeln. Goethes Interesse an der Medizin geht weit über das Persönliche hinaus. Es ist zunächst das eines Naturwissenschaftlers, der in der »Vielheit der Erscheinungen« die geistige Einheit sucht. Husemann vermittelt in wohltuend knapper und logischer Art goetheanistisches Denken.
Goethe war ein Meister im Beschreiben krankhafter Seelenzustände. Mit den Gestalten seiner Werke könne man, so Husemann, die Hauptkapitel eines psychiatrischen Lehrbuches illustrieren. Von einer Vorliebe Goethes für das krankhafte Seelenleben zu sprechen, wäre jedoch falsch. »Dass er es mannigfach darstellte, hat seinen Grund in der Verwandlungsfähigkeit seiner Seele und in seiner Liebe zum Menschen. … Er wollte die menschliche Seele auf ihrem Wege durch alle Höhen und Tiefen, durch Irrtum und Wahrheit, ja durch Irrsinn und Banalität begleiten.« Besondere Aufmerksamkeit widmet Friedrich Husemann der Mignon-Gestalt. Vermutlich habe Goethe seinen »Wilhelm Meister« nur dieser Gestalt wegen gedichtet, deren »Herz im Einklang mit den geheimen Rhythmen der Natur« schwingt. An Iphigenie und Orest interessiert Husemann die Verschiedenartigkeit der Entwicklung bei Geschwistern, das Problem der geistigen Heilung und der Verwandlung des Bösen. Aber nicht nur als Dichter war Goethe von dem Bewusstsein durchdrungen, dass der Mensch leiblich, seelisch und geistig als eine Einheit gesehen werden muss. Er wirkte auch ganz praktisch in seiner Zeit, in dem er konkrete Vorschläge für die Ausbildung von Ärzten unterbreitete. Dabei ging es ihm besonders um eine Reformierung des anatomischen Unterrichts. »Wie ihm die zerstückelnde Art der Naturwissenschaft in der Seele zuwider war, so empfand er, dass die Tätigkeit des Sezierens auf die Seelenverfassung des angehenden Arztes eine ungünstige Wirkung haben müsse, eben weil sie eine zerstörende ist und damit das Gegenteil der vom Arzt zu entwickelnden heilenden Kräfte.«
Abschließend betrachtet Friedrich Husemann Goethes Geistesweg, den er als »wissender Heil-Künstler« gegangen ist und der unmittelbar angrenzt an den Erkenntnisweg der Anthroposophie. Rudolf Steiner machte das, was Goethe der Menschheit hinterlassen hat, zum Ausgangspunkt für sein Lebenswerk, besonders in der Heilkunde und der Entwicklung einer Therapie mit geistig-seelischen Mitteln, der Kunsttherapie. So gesehen kann Husemanns Studie auch als eine Einführung in die an Goethe anknüpfende anthroposophische Medizin gelesen werden. Sie hat an Aktualität und Gültigkeit für unsere heutige Zeit nichts verloren. Im Gegenteil. Die Lektüre dürfte auch Nicht-Medzinern Freude und ästhetischen Genuss bereiten. Husemanns Sprache ist schlicht, logisch und bleibt auch bei Schilderungen komplizierter Zusammenhänge konzentriert. Man kann sich ihr bedenkenlos anvertrauen.
Das Nachwort ist eine ganz eigenständige Arbeit. Sein Verfasser, Wolfgang Schad, dem die vorliegende dritte Auflage zu danken ist, setzt sich darin vor allem mit Goethes Erkrankungen auseinander. Ausgehend von seiner Überzeugung, dass Goethe »ohne seine Todesberührungen nicht zu verstehen« sei, geht er dem Motiv der Todesnähe im gesamten Leben des Dichters nach, das »Therapeutische der Goetheschen Sprache und Werke« damit begründend, dass sie »der unentwegten Selbsttherapie entsprungen sind«. An den Gestalten Heinrich Faust und Wilhelm Meister, deren Ich-Entwicklung in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, entwickelt Wolfgang Schad Goethes weit in die Zukunft weisenden Ansichten über das Arzttum. »Faust und Meister entstanden im 18./19. Jahrhundert. Faust wurde das Drama des 20. Jahrhunderts. Der Meister-Roman aber wird die Dichtung des 21. Jahrhunderts werden … Etwas von dieser Heilkraft ist in dem hiermit wieder vorgelegten Buch von Friedrich Husemann über den verborgenen Arzt in Goethe schon aufgeschlossen worden.«
Karin Haferland