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Chinesisches Denken
Albert Schweitzer: Geschichte des chinesischen Denkens. Verlag C. H. Beck, München 2002. 360 Seiten, 44,90 EUR.
Wer hat jemals den Gedanken des Ewigen treffender und dabei so vollkommen und schlicht ausgesprochen: »Was wir ein Ende nehmen sehen, ist nur das Brennholz. Das Feuer brennt weiter«? Es ist die chinesische Philosophie, die diese tiefgründige Metapher hervorgebracht hat. Sie ist aus einer Mystik entstanden, in der das Denken des Menschen in natürlicher Weise mit dem Sein der Welt verbunden ist. Ihre Grundanschauungen haben sich über die Jahrhunderte hinweg wenig geändert; seit ihren Anfängen im 2. Jahrtausend v. Chr. kam nichts grundsätzlich Neues hinzu. Nachfolgende Denker bewahrten in erster Linie das auffallend sachliche Gedankengut ihrer Vorgänger. Was aber überrascht: Diesem Denken wohnt von Anfang an ein hohes ethisches Moment inne.
Das ist das Motiv für Albert Schweitzer, sich dem (alt-)chinesischen Denken zu nähern: »Wie geht es nun zu, dass in China in einer Zeit, in der die Völker Indiens und Europas sich noch in ihren ersten Anfängen ihrer geistigen Entwicklung befinden, schon eine so hochstehende, auf ethischer Lebens- und Weltbejahung beruhende Kultur besteht?«
Albert Schweitzer (1875–1965) beginnt 1937 in Lambarene, fernab eines akademischen Betriebes, eine »Geschichte des chinesischen Denkens« zu schreiben. Er will ihr einen eigenen Band in einer geplanten »Geschichte des Denkens der Menschheit« widmen, die die Grundlage für seinen großen Entwurf, einer Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben« bilden soll. Die umfangreiche Studie erhält jedoch keine gültige Fassung. Posthum erscheint 1972 nur eine norwegische Teilausgabe. Erst jetzt, 65 Jahre nachdem die Arbeit verfasst wurde, wird dieses für Schweitzers Ethik so wichtige Werk aus dem Nachlass publiziert. Die namenlosen Denker aus der Anfangszeit der chinesischen Philosophie haben keine Urkunden hinterlassen. Erst um 500 v. Chr. wird das bis dahin mündlich überlieferte Denken schriftlich im Umkreis der klassischen chinesischen Denker festgehalten. Schweitzer, selbst in den Vernunftidealen der Aufklärung beheimatet, findet mit dem Blick fürs Wesentliche bei diesen Denkern jene genial einfache Geistigkeit, die er sucht. Von ihr zeugen zwei verschiedene philosophische Strömungen: Eine welt- und lebensbejahende Philosophie ist die des Kung-tse, lat. Konfuzius (etwa 570–479 v. Chr.), der sein Leben ganz der Lehre des »I Ging«, dem »Buch der Wandlungen«, widmet. Diese Denkrichtung ist in einem natürlich gegebenen Weltbegriff begründet: Himmel und Erde haben seit ältesten Zeiten eine überragende Bedeutung – sie sind die beiden Urkräfte, aus denen alles Sein besteht. Sie sind von sich aus in Harmonie miteinander verbunden und bringen gemeinsam das Geschehen der Welt hervor. Es ist ein gänzlich ungewohnter Monotheismus, der sich hier ausspricht, wie zwei Kräfte, zwei Gottheiten, zwar als Zweiheit gedacht werden, aber als Einheit wirken.
Kung-tse lauscht dieser Weltordnung eine Ethik ab, die in ihrer Wahrhaftigkeit und Konsequenz beispiellos ist. Alles, was er erstrebt, ist, das Leben in tugendhaftem Wandel zu verbringen, es in das Ordnungsgefüge der Welt zu integrieren. Davon erzählt das »Lun Yü«, was die »Unterredungen« Kung-tses mit seinen Schülern enthält. Es ist ein regelrechtes Erziehungswerk zum Sittlich-Guten. »Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst; der Gemeine stellt Anforderungen an die andern Menschen.« Oder: »Die Pflicht als Grundlage, Anmut beim Handeln, Bescheidenheit in den Äußerungen, Treue in der Durchführung; wahrlich, so ist ein Edler.« Und von Kung-tse selbst berichten seine Schüler: »Der Meister war frei von vier Dingen: Er hatte keine Meinungen, keine Voreingenommenheit, keinen Starrsinn, keine Selbstsucht.« Dieser elementar einfache Denkansatz hat eine solche Ethik hervorgebracht, die vor Schweitzers Anspruch noch immer Gültigkeit hat.
Was äußert sich in der anderen, taoistischen Strömung? Lao-tse (etwa 570-490 v. Chr.) ist der große Weise, der die tiefgründige Lehre des Tao vertritt, die in dem »tao te king« niedergeschrieben wurde. Tao bedeutet ursprünglich Weg. Es ist der Weg des Meditanten durch mystische Versenkung in den Urgrund des Seins. Dort ist auch das Tao – es ist somit zugleich in der Welt. Damit ist die Welt für sich fertig; sie bedarf nicht des (tätigen) Menschen. Schweitzer ortet hier ein Denken, das in eine merkwürdig paradoxe Lebenshaltung führt. Die taoistische Mystik versteht sich zwar auch als grundsätzlich welt- und lebensbejahend; der Mensch nimmt teil am Weltgeschehen, indem er das Tao meditiert. Dem Tao folgen aber keine (äußerlichen) Taten mehr, es wirkt innerlich. »Das Tao ist ewig ohne Handeln und nichts bleibt ungewirkt.« Weiter heißt es: »Wer im Tao wandelt, nimmt täglich ab. Er verringert sein Tun und verringert es immer mehr, bis er anlangt beim Nicht-Tun. Beim Nicht-Tun bleibt nichts ungetan.« Schweitzer arbeitet die unterschiedlichen Positionen der beiden Philosophien so heraus, dass jede in ihrer erhabenen Größe erscheint. In Hinblick auf sein eigenes Lebenswerk muss er freilich Kung-tses Denken besonders schätzen. Denn dieses Denken entspringt einer natürlich gegebenen Lebensbejahung, aus der es die Kraft für eine Ethik schöpft, die das Handeln des Menschen in die Welt einbindet.
Schweitzers unvollendete Arbeit nimmt in seinem kulturphilosophischen Werk eine herausragende Stellung ein. Die Herausgeber haben für die Veröffentlichung des Werkes den heutigen Wissensstand der Sinologie miteinbezogen und manche Unstimmigkeit Schweitzers behutsam kommentiert. Der Band vereint alle Arbeiten Schweitzers zur chinesischen Philosophie, zwei Fassungen des »Chinesischen Denkens« und eine Fülle von Skizzen und Manuskripten dazu (darunter das zu nächtlicher Schreibstunde angefressene so genannte Antilopenblatt). Für den Nicht-Fachmann hätte sicher auch eine Version genügt. So staunt man allerdings, wie Schweitzer seinen Erkenntnissen aus dieser Philosophie immer wieder einen anderen Aspekt gibt. Man erhält damit Einblick in die Denkwerkstatt eines großen Geistes des 20. Jahrhunderts. Daniel Hartmann