Die Drei 11 / 2002

Buchbesprechung

 

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33 Jahre später

 Ingrid Christiane  und Helmut Krumm:

Die Ideale der 68er – 33 Jahre später: Wo sind sie geblieben? Was ist aus ihnen geworden?, FIU-Verlag, Wangen 2001. 148 Seiten, 14,80 EUR.

 

Mit seinem Buch »Was wir wollten, was wir wurden« setzte Peter Mosler 1978 einen Maßstab in der rückblickenden Bestandsaufnahme der 68er. Die Zeitspanne von 33 Jahren seit dem legendären Datum war nun für Ingrid Christiane und Helmut Krumm der Anlass, es noch einmal genau wissen zu  wollen: Was ist aus den Idealen der 68er geworden? Wo sind sie heute auffindbar? Kann man 33 Jahre später eine Realisation feststellen? Und wie sieht diese aus? Dafür interviewten sie 15 GesprächspartnerInnen, die in besonderer Weise für ein Leben mit Idealen und ein Miterleben der Zeit um 1968 stehen.

So Rezzo Schlauch, der in seinem mitreißenden Lebensbericht dann doch mit seinem Einstieg in die große Politik Schwierigkeiten bekommt, den Vorwürfen zu entgehen, er habe als Parteipolitiker seine Ideale verraten. Interessant ist dies deswegen, weil der auftretende Charakterknick nicht unbedingt seiner Person entspricht, sondern der bestehenden Form von Politik. Die sollten wir ändern, nicht, in dem man selber zum Politiker wird, sondern in dem endlich alle Bürger direkten Einfluss auf Veränderungen und Entscheidungen in der Gesellschaft nehmen können. Stichwort: Direkte Demokratie. Unter anderem dafür tritt Johannes Stüttgen ein. Er ist der einzige unter den Interviewten, der Ideale und 68er nicht autobiografisch aufzeigt, sondern auf das Wesen der Begriffe verweist. Ohne ein solches, eben wesenhaftes Verständnis dessen, was ein Begriff ist, so Stüttgen, bleibt alles Sprechen über Ideale privat. Und so führt sein Beitrag im Eiltempo unmittelbarer Präsenz durch die Kernpunkte gedanklich erfahrbarer Realität einer Sozialen Plastik, für deren Bewusstwerdung und Umsetzung er sich seit seiner Beuys-Schülerschaft einsetzt.

Obwohl ebenfalls in geistiger Arbeit zuhause, schildert Peter Tradowsky unter dem Thema Ideale seinen Werdegang, der aus unermüdlicher Arbeit besteht. Da sind seine Erlebnisse eines hohen und falschen Leistungsdrucks als Schüler, so dann den von ihm mitbetriebenen Aufbau der Berliner Waldorfschule und die Schilderung unüberwindlich scheinender Widerstände, zu denen unter anderem das fehlende Geld gehörte.

In ganz anderer Weise ist Helga Breuninger mit dem Geld verbunden, denn sie hat mehr als genug davon. Als der Wahrhaftigkeit verpflichtete – darin auch etwas unerträgliche – Tochter aus wohlhabendem Hause, nahm sie ihren Weg durch die studentischen Politgruppierungen der 68er, formte ihr Vermögen in eine Stiftung um zur Förderung von Bildung und Erziehung, berät Unternehmen beim Generationswechsel und ist Vizepräsidentin des Club of Budapest, von dem dann Peter Spiegel, der Kosmopolit, in seinem Beitrag genauer berichtet. Gabriele Naundorf musste sich nicht wie Helga Breuninger in einem Widerspruch zu ihrer Familie behaupten, denn sie hatte in dem Sinne gar keine. Freiräume, biografische Ost-West-Erfahrung, Politikstudium, Jugendarbeit und das Eintreten für die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung bei jedem Einzelnen, diese Stationen durchgeht Frau Naundorf mit lebensvollem Humor.

Allen Interviewten ist gemeinsam, dass sie unter dem Stichwort Ideale weniger große Überschriften als das tatkräftige Annehmen konkreter Aufgaben beschreiben. Ob dieses Konkrete nun ein gedankliches Erleben oder eine äußerlich auftretende Notwendigkeit ist, das ist letztlich nur eine Frage des Zeitpunktes und der Veranlagung. Was Ideale sind, das steht nicht als Plakat im Raum, sondern zieht sich als roter Faden durch Biografien. Gemeinsam ist den Interviewten auch, dass sie die 68er nur als einen Teil und Abschnitt ihres Weges sehen. Das geschichtliche Datum hat wenig Gewicht. Für ihre Idealbildung war viel maßgeblicher, was sie in ihrer Kindheit und an ihren Eltern erlebten. Daran entzündet sich, was einem später »nicht in den Kopf hinein will« oder als begriffliche Realität zum Handlungsimpuls wird. Und noch etwas ist ihnen gemeinsam: die tief empfundene Ablehnung gegenüber jeglicher Ideologie. Davon bleibt auch die Anthroposophie nicht ganz verschont, wenn der Unternehmer Wolfgang Schlüter erzählt, erst durch Yogakurse habe er gelernt, was Lebensfreude sei. Eine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Anthroposophie war ihm dafür allerdings Voraussetzung. Doch: »Wenn man immer fixiert ist auf das rein Anthroposophische, das ist nicht gut. Man darf in solcher Einseitigkeit nicht erstarren.« Wer als Leser die Schwelle einer mangelnden Textredaktion des Readers überwindet, wird durch die aufsteigende Lebensfülle und die Echtheit des hier erlebbaren Sinngehaltes nachhaltig belohnt. Die alltagstaugliche Sprache der Interviewten und die zurückhaltende Fragestellung animieren den Leser, das Interview mit sich selbst fortzuführen und sich die eigene Geschichte zu erzählen.                                          Enno Schmidt

Nicht-Held Hermann

Detlef Berentzen: Hermann,  Dielmann Verlag, Frankfurt 2002. 408 Seiten, 20 EUR.

 

Aus der Perspektive des Ich-Erzählers durchwandert Detlef Berentzen in seinem Roman »Hermann« die Lebenswelten der zurückliegenden fünf Jahrzehnte. Berentzen schreibt die Biografie des Hermann als eine Figur jenes Halbjahrhunderts, das er selbst als Kind der 50er Jahre, als Jugendlicher in den wilden 68ern, als Aktivist, Wohngemeinschaftler und Publizist der 70er und 80er Jahre erlebt und als Zeitgenosse mitgestaltet hat. Mit seinem Helden Hermann – der nie ein Held sein wollte – tritt in Erinnerung, was kaum noch wahr zu sein scheint und doch noch um so wirksamer ist. Standesgemäß für die Folgezeit der 68er gehören Psychologie und Pädagogik zu den Fachgebieten des Autors. Und so geht sein Roman besonders da nahe, wo Berentzen mit hoher Genauigkeit auf die Kindheit seines Nicht-Helden und die Kindheit dessen Vorgänger- und Nachfolgegeneration verweist, immer wieder »das Kind in sich« ernst nimmt und als Projekt des Voraus- und Rückblicks betont.

Detlef Berentzen schrieb ab 1981 für die »taz«, deren Redaktion und Geschäftsführung er angehörte. Für Rundfunk- und Fernsehanstalten entwickelte er Features und Dokumentationen zu Politik, Kultur und Literatur. »Frankfurter Rundschau«, »Die Zeit«, »Wiener Zeitung«, »Psychologie Heute« und anderen Periodika veröffentlichen seine Einlassungen und Kritiken.             Enno Schmidt