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Die Drei 10 / 2005
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser,
auf die im Wahlkampf gemachten Versprechungen können wir sicherlich nichts geben. Doch wie sind die dringenden Probleme z.B. von Arbeit und Einkommen, einer gerechten und sinnvollen Besteuerung oder eines menschlichen Rechtslebens zu lösen? Die Gesichtspunkte hierfür lassen sich kaum im »System« finden, so wie sich auch im System der heutigen Wissenschaften die entscheidende Frage »Wie erkennt man das Erkennen?« (Barbara Sieber) nicht beantworten lässt. In Systemen sind wir immer nur funktionierende Rädchen eines großen Getriebes, machen uns selbst zu Objekten. Doch die Erfahrung z.B. in der Ukraine zeigt: »Ohne den Faktor Individualität geschieht nichts.« Trotzdem scheint die orangene Revolution erst heute vor ihrer eigentlichen Prüfung zu stehen. Ebenso Europa: Die Menschen in Frankreich, den Niederlanden und anderswo haben zu Recht Angst vor einer Europäisierung lediglich auf der Systemebene.
Der Faktor Individualität meint eben mehr als ein bloßes Aufbrechen des Systems durch Sand im Getriebe. Das Neue zeigt sich erst wirklich, wenn nicht nur der Inhalt neu ist, sondern auch die ihn gestaltende Gedankenbildung. Der Schritt vom System zum Organismus fordert eine andere Denkweise und muss zunächst in unserem Inneren vollzogen werden.
So wie Juri Andruchowytsch statt auf brutale Geopolitik auf eine lebendig differenzierende »Geopoetik« setzt, vertraut Christl Kiewitz am Ende ihres Essays über Michael Kohlhaas auf die jungen Menschen, die nicht nur globaler denken, sondern auch den schicksalshaften Zusammenhang der Menschen in der Welt sehen und damit auf das Zusammenwirken von Individualitäten setzen.
Andreas Laudert lässt in seinem Bericht über den Prager Kongress für Menschen mit Behinderung einen Teilnehmer zu Wort kommen, der auf die Frage, was denn sein Hauptwunsch an das Leben sei, antwortete: »Dass alles gut geht.« »Was meinst Du mit ›alles‹«? Robert lächelte – traurig und zuversichtlich zugleich, unsicher noch, aber vorsichtig hoffend – und wiederholte schlicht seine Antwort: »Dass alles gut geht.« Er nippte an seiner Tasse und bekräftigte: »Alles.«
Ihr Stephan Stockmar