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Die Drei 10 / 2003
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser,
als ich am Samstag aus der Ausstellung »Paul Klee 1933« in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle kam, schimmerten über den (rekonstruierten) Fachwerkfassaden am Römer der maschinenhafte Commerzbank-Turm und seine kaum weniger hohen Nachbarn aus Beton, Stahl und Glas in der Abendsonne. Hinter mir setzte das Sechsuhrläuten der Glocken im Domturm ein: gewaltige Klänge, die aus dieser Nähe den ganzen Körper ergreifen. Ich schaue mich um und sehe den gotischen Turm hinauf – da trifft mich fast der Schlag! Als Abdeckung eines Baugerüstes prangt mir vom Turmhelm des Gotteshauses, in dem einst die deutschen Kaiser gekrönt wurden, das riesige Plakat eines japanischen Autoherstellers entgegen, der für sein neues Modell mit dem Slogan wirbt: Start now! Ja, es ist zur Zeit in Frankfurt IAA, die Internationale Automobilausstellung, die dieses Jahr einen Rekordzulauf verzeichnet. Und auf diesem Wege verkauft nun auch die Kirche den modernen Wallfahrern und rasenden Autobahn-Rittern ihren Segen. – Nun ahne ich etwas von der Realität dessen, was Klee 1933 als Bedrohung des Menschseins, als Angriff auf das innere Menschenwesen erlebt und gezeichnet hat (siehe Besprechung Seite 60).
Diese Bedrohung ist nicht an einzelne Menschen mit diktatorischen Ambitionen und terroristischen Energien gebunden; sie ist heute allgegenwärtig, egal ob sie bewusst erlebt wird oder nicht. Von ihr geht eine saugende Wirkung aus, die den Menschen von innen aushöhlt, und zwar auf den verschiedensten Ebenen: Seien es die mobile Kommunikation (vor mir schlendert Arm in Arm ein Liebespaar am Main entlang; er plaudert währenddessen lustig per Handy mit einer dritten Person …), die das Individuum entmündigende Gesundheitspolitik oder die geopolitischen Machtspiele, in denen skrupellos über Staaten, Völker und Menschen verfügt wird. Um unsere Ohnmacht zu überwinden, müssen wir die Bedrohungen wahrnehmen und in ihrer zerstörenden Wirkung erleben – und den Mut finden, nach innen und außen Tatsachen und Zeichen zu setzen, die (seelische) Nahrung statt Verlangen schaffen, die Vertrauen ermöglichen und das Individuum stärken. »Wir geben euch keinen Gott, denn ihr müsst ihn selbst in der eigenen Seele suchen, im einsamen Bemühen«, sagte Janusz Korczak zu seinen Zöglingen. »Wir geben euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung eures Herzens und eurer Gedanken finden. Wir geben euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung, … eine Strapaze, die jeder selbst auf sich nehmen muss.«
Ihr Stephan Stockmar