Literaturnobelpreis für Imre Kertész

 

Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, hat am 10. Oktober 2002 von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm den diesjährigen Literarturnobelpreis zugesprochen bekommen. Damit geht dieser Preis zum ersten Mal an einen ungarischen Schriftsteller, und zwar für den 1975 veröffentlichten, aber erst 1990 auf Deutsch erschienen (1996 in neuer Übersetzung) »Roman eines Schicksallosen«. In diesem Roman hat er »den schrecklichen Inhalt seines Lebens in Kunst verwandelt« (Elfriede Jellinek): Kertész wurde 1944 – 15jährig – als Jude nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. » Das Besondere an dem Roman von Kertesz ist die Tatsache, dass der Ich-Erzähler all diese Geschehnisse aus der Sicht des Kindes schildert, ohne sie durch den analytisch-verstehenden Blick oder durch das später erworbene Begriffsinstrumentarium des Erwachsenen, der auf diese Phase seines Lebens zurückblickt, zu verändern, zu deuten oder zu bewerten. Der 15-jährige Gyurka wird mit seinem noch unentwickelten naiven Denken vom Autor ›allein gelassen‹: er muss selbst auf schmerzhafte Weise die Abnabelung vollziehen, die ihn, nachdem er seiner Kindheitswelt entrissen wurde, die durch eine träumerische und gegenüber anderen Menschen vertrauensvolle Seelenhaltung geprägt war, das Ufer eines neuen Eigen-Seins erreichen lässt.« So schrieb Norbert Otto im Oktober 2001 in die Drei unter dem Titel »Parzival in Auschwitz. Imre Kertész’ meisterhafter ›Roman eines Schicksallosen‹«. Aus dem gegebenen Anlass dokumentieren wir hier diesen Artikel.

 

Dass Imre Kerész des analytischen Blickes durchaus fähig ist – ohne die Liebe zum Gegenstand seiner Betrachtung zu verlieren –, zeigt er unter anderem z.B. in seinem Essay »Zeit der Entscheidung. Wird es auferstehen?! – Europa, von Osten aus betrachtet«. Dort heißt es z.B.:

 

»Wenn das bestimmte ›Etwas‹ existierte, das wir in diesem Aufsatz - aber mehr noch im wirklichen Leben - so schmerzhaft vermissen, dann wäre auch keine Gewalt nötig. Den europäischen Geist vertreten vorläufig Politiker, Strategen und Soldaten, und das ist kein gutes Zeichen. Der Kosovo-Krieg hat unter albtraumhaften Qualen vielleicht jenes bestimmte ›Etwas‹ - den geistigen Sauerteig der europäischen Vereinigung, die europäische Idee - hervorgebracht. Für die Länder Osteuropas war dieser Krieg tragisch, aber erbot ihnen die nicht ungenutzt zu lassende Gelegenheit, darzulegen, wo sie hingehören, und damit zugleich die eigene Situation deutlich zu erkennen. Eine Idee kann fraglos nur auf dem Boden einer gemeinsamen Kultur wachsen, in der von allen im Grossen und Ganzen die gleichen Werte vertreten werden. Und was für Werte sind uns geblieben, die wir in Auschwitz oder im Gulag oder eben auch zur Zeit der ungarischen ›samtenen Diktatur‹ den Verfall der alten Werte gesehen und miterlebt haben und später die Botschaft verkündeten, dass diese Werte keine Geltung mehr haben. Kein Zweifel, wir sind, an der Schwelle des 21. Jahrhunderts, in ethischer Hinsicht uns selbst überlassen. Wir sind verlassen von einem universalen Gott, verlassen von universalen Mythen und auch verlassen von einer universalen Wahrheit. Wir müssen uns unsere Werte selbst erschaffen, Tag für Tag und mit jener beharrlichen, aber unsichtbaren ethischen Arbeit, die diese Werte schließlich ans Tageslicht bringt und zu einer neuen europäischen Kultur erhebt. Uns leiten weder himmlische noch irdische Wegweiser, und die Mutigen vermögen aus dieser nackten Tatsache Kraft zu schöpfen.« (Neue Zürcher Zeitung 20.1.2001)

 

Stephan Stockmar

 

 

Die Drei 10 / 2001

 

 

 

 
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Norbert Otto

Parzival in Auschwitz

Imre Kertesz’ meisterhafter »Roman eines Schicksallosen«1

 

Im Jahr 1975 erschien in Ungarn der »Roman eines Schicksallosen« von Imre Kertesz. 1929 geboren, hatte der Autor nach dem Ende des 2. Weltkrieges 25 Jahre lang intensiv an dem Werk gearbeitet, das seine eigenen Erfahrungen thematisiert, die er als jugendlicher Häftling 1944/45 in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald durchlebt und durchlitten hatte. Doch das Buch war umstritten, als es in Ungarn erschien. Es hieß, Kertesz´ Roman verhöhne die Opfer des Holocaust. Wie kann es sein, dass einem KZ-Häftling so etwas unterstellt werden konnte? Vielleicht hat die kritische Rezeption in Ungarn das Erscheinen der deutschen Ausgabe so lange – bis 1996 – hinausgezögert und vielleicht haben Sätze wie die »vom Glück des Konzentrationslagers« dazu beigetragen. – Das Besondere an dem Werk von Kertesz ist, dass der Ich-Erzäler die Geschehnisse aus der Sicht des Kindes schildert und dabei auf den analytisch-verstehenden Blick verzichtet. Auf diese »Parzival-Perspektive« soll im folgenden eingegangen werden.

 

 

»Nichts ist so unmöglich, dass man es nicht auf ganz natürliche Weise durchleben würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert, wie eine unvermeidliche Falle, das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nach den Übeln, den »Greueln«: obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. Wenn sie überhaupt fragen. Und wenn ich es nicht selbst vergesse.«  (S. 287)

 

Auf diese Schlusspassage des Romans und ähnlich »provokante« Sätze wird im Folgenden noch Bezug genommen. Sicherlich aber hat die Auseinandersetzung mit dem in diesem Buch vermittelten eigenartigen und besonderen Blick auf die Wirklichkeit der unmenschlichen Todeslager zu seiner berechtigten Aufwertung geführt, da es den Gedanken von der Unverstehbarkeit der Konzentrationslager widerlegt hat. Der Klappentext der deutschen Erstausgabe enthält einen für die Verstehbarkeit des »Romans eines Schicksallosen« entscheidenden Hinweis: der Roman sei »geschrieben aus der Sicht des Unwissenden, eines jungen Parzival, der sich in einer Traumwelt voller nie gesehener Gestalten zurechtfinden muss.« Diese Parzival-Perspektive ist es, welche die tiefere Schicht des Buches, die sich unter seiner menschlich anrührenden »Ereignisgeschichte« verbirgt, enthüllt.

Was wird erzählt? Der Roman schildert die Verschleppung des 15-jährigen ungarischen Juden Gyurka. Eines Tages wird der Junge aus einem Bus heraus verhaftet, nach Auschwitz und anschließend nach Buchenwald und ins Lager Zeitz (bei Magdeburg) deportiert. Später wird er wieder nach Buchenwald gebracht. Nach Kriegsende kehrt Gyurka in seine Heimatstadt zurück.

Die dargestellten Ereignisse sind in ihrer Art vergleichbar mit zahlreichen anderen Schicksalen dieser Zeit. Das Besondere an dem Roman von Kertesz ist die Tatsache, dass der Ich-Erzähler all diese Geschehnisse aus der Sicht des Kindes schildert, ohne sie durch den analytisch-verstehenden Blick oder durch das später erworbene Begriffsinstrumentarium des Erwachsenen, der auf diese Phase seines Lebens zurückblickt, zu verändern, zu deuten oder zu bewerten. Der 15-jährige Gyurka wird mit seinem noch unentwickelten naiven Denken vom Autor »allein gelassen«: er muss selbst auf schmerzhafte Weise die Abnabelung vollziehen, die ihn, nachdem er seiner Kindheitswelt entrissen wurde, die durch eine träumerische und gegenüber anderen Menschen vertrauensvolle Seelenhaltung geprägt war, das Ufer eines neuen Eigen-Seins erreichen lässt.

 

 

Dumpfheit

 

Blickt man auf das erste Kapitel, so fallen die Naivität und Unmündigkeit des Jungen Gyurka auf, was sich zu Beginn im mehrfachen Anzweifeln der Authentizität seiner Erinnerung äußert. Zu unscharf sind die Begriffe, mit denen der Junge seine Umwelt erfasst, was sich anlässlich des Ereignisses der Trennung vom zum Arbeitsdienst abkommandierten Vater darin äußert, dass Gyurka in diesem ganzen Gemenge von Aktivitäten und Gesprächen im Kreis der erwachsenen Verwandten buchstäblich das Bewusstsein verliert: immer wieder übermannt ihn die Müdigkeit; er weiß sich viele Vorgänge, die um ihn herum ablaufen, nicht zu erklären, auch seine eigene Verfassung nicht. So gerät der Abschied vom Vater zu einer über den Ich-Erzähler hereinbrechenden emotionalen Katastrophe. Die Gespräche der Erwachsenen um Gyurka herum »verschwimmen« zu Gemurmel und verdichten sich zu einem »Nebel«. (Später, bei seiner Einlieferung in Auschwitz, gewinnt das Leitmotiv »Wasser« wieder eine zentrale Bedeutung).

Dennoch wird der Ich-Erzähler aber im Eingangskapitel bereits mit Grundkategorien des menschlichen Daseins konfrontiert: Schuld – Schicksal – Leid – Einsicht. Onkel Lajos, der Bruder des Vaters, wirkt hier als Katalysator: Er nimmt den Jungen beiseite, zwingt ihm ein Gebet für den Vater ab und erklärt ihm, dass von nun an – mit dem Weggang des Vaters – seine Kindheit der Vergangenheit angehöre. Onkel Lajos prophezeit Gyurka zunächst kommendes Leid. Dies entstehe insbesondere von nun an auch dadurch, dass Gyurka Anteil haben werde am gemeinsamen jüdischen Schicksal. Das Gefühl von Schuld weckt Onkel Lajos in dem Jungen durch die Frage, ob er früher aus eigenem Antrieb für den Vater gebetet habe. Gyurka leidet unter dem Gefühl, hier etwas versäumt zu haben. Bei der Verabschiedung des Vaters erfährt Gyurka einiges über seine Verantwortung und das nun bevorstehende Erwachsenwerden. Die Sorge des Vaters besteht darin, dass Gyurkas leibliche Mutter, mit der er lange und schließlich erfolgreich vor Gericht um seinen Jungen gestritten hatte, nun versuchen könnte, ihn (Gyurka) von zu Hause wegzulocken. Der Vater beruft sich auf die Einsicht Gyurkas und weist darauf hin, dass seine Stiefmutter Gyurka doch ein familiäres Zuhause geschaffen habe. Später besucht der Junge regelmäßig seine leibliche Mutter. Eines Sonntags führen sie ein Gespräch: es geht um Selbstbestimmung und Liebe. Die Mutter appelliert ebenfalls an die Einsicht Gyurkas und an seinen eigenen Willen bezüglich der Frage, wo er leben wolle: bei ihr oder bei seiner Stiefmutter. Gyurka erkennt aber den gerichtlichen Entscheid an, nach dem er der Stiefmutter und dem Vater zugesprochen wurde, und kann sich unter Selbstbestimmung und Eigenwillen nichts vorstellen. Er wirkt in diesem Gespräch hilflos.

Gyurkas (auch im Vergleich zu Gleichaltrigen größere) Dumpfheit äußert sich anfangs zudem in einer völligen Unerfahrenheit in Bezug auf Grundfragen des Lebens.

 

 

Scham

 

Annamaria ist Gyurkas erste Liebe. Das Mädchen erzählt ihm, wie es angefangen habe ihn zu lieben: sie hätten beide ein ähnliches Schicksal und eine ähnliche Denkweise. In Gyurkas Haus wohnen in einer anderen Wohnung auch zwei Schwestern. Eines Tages besuchen György und Annamaria sie und sprechen über die Stigmatisierung der Juden. Die ältere Schwester will verstehen, warum sie jetzt als Jüdin gehasst werde. Gyurka äußert, man könne die Verschiedenheit zu den Nicht-Juden nicht einfach selbst bestimmen, sondern »dafür sei der gelbe Stern da.« Es sei wichtiger was man »außen trägt« (S. 44). Die ältere Schwester hält dagegen, dass man den Unterschied in sich trage. Gyurka sieht nicht recht die Wichtigkeit dieser Frage ein und erzählt eine Art Märchen von zwei sich ähnlich sehenden Menschen – einem Bettler und einem Prinzen – die ihr Schicksal tauschten. Gyurka rät der älteren Schwester, das solle sie sich für ihr Dasein einmal vorstellen: z.B. dass auch sie mit einem ihr ähnlich sehenden Kind vertauscht worden wäre. In dem Fall würde jetzt das andere Mädchen die Verschiedenheit spüren und den gelben Stern tragen. Die ältere Schwester beginnt zu weinen und betont, dass die Verschiedenartigkeit sinnlos wäre, wenn sie nicht mit »unserer Eigenart« zu tun habe; dann wäre ja »alles nur reiner Zufall.« (S. 45).

Gyurka empfindet die Situation als peinlich: er hat die ältere Schwester verletzt, nicht wissend, dass ihr der Gedanke von der Sinnhaftigkeit des Lebens so wichtig war – und Gyurka empfindet (»ich weiß nicht recht aus welchem Grund«) so etwas wie Scham, »glaube ich«. Auch Annamaria fand Gyurkas Ausführungen verletzend. In den folgenden Kapiteln, unter der Wucht der Ereignisse des KZ-Lebens, findet der junge Protagonist selbst zu einer Sinnhaftigkeit des Lebens.

 

 

Zweifel

 

Wird die Einlieferung nach Auschwitz von Gyurka noch als »Reise« mit allen dazu gehörigen Attributen beschrieben (z.B. »nette Deutsche« beim »Empfang am Bahnhof bei Sonnenschein«), so erwecken die ersten Fragen, die der Junge angesichts des Lagerplans entwickelt, die nötige (sich in Misstrauen artikulierende) Distanz, die dann im Lager Buchenwald zur überlebensnotwendigen Orientierung heranreift. Angesichts der Nazi-Wachmannschaft regt sich bei Gyurka der Zweifel, ob diese Männer »aus demselben menschlichen Stoff bestehen« wie er (S. 137)! Aus den existenziellen Erfahrungen im KZ resultiert ein gefestigteres Selbstbewusstsein Gyurkas: er lernt Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Er lernt die wenigen glücklichen Momente zwischen Hetze, Qual und Angst zu schätzen, in denen er selbst denken darf – und er ist dankbar für die Erfahrung des Wunders des Lebens, die ihm in grundlegender Weise während einer Erkrankung auf Leben und Tod  zuteil wird: in einem Zustand selbstlos erfüllter Ergebenheit, in dem Gyurkas Gefühle, Gedanken und Willensregungen in eine friedliche und verträumte Stimmung münden, macht er die Grunderfahrung der geistigen Liebe. Und als nach überwundenem Griff des Todes die erste Kohlrübensuppe als Duft um seine Nase streicht – welcher Leser mag da von einer »Provokation« reden, wenn der Genesene sagt:

 

»Und alles Abwägen, alle Vernunft, alle Einsicht, alle Verstandesnüchternheit half da nichts – in mir war die verstohlene ... Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.« (S. 209).

 

 

Glaube – Liebe – Hoffnung

 

Die Erfahrung der allumfassenden Liebe, gewachsen aus einem reinen Glauben an das Leben, gebiert die Hoffnung. Große Gedanken werden in diesem Buch ohne Sensationen vermittelt. Sie erschließen sich dem Leser, der sich auf die Perspektive des Jungen und seine Weltsicht einlässt, die in ihrer Beschränktheit und Naivität die Größe der Dankbarkeit und Selbstlosigkeit gegenüber dem Leben besitzt. In dieser Haltung wird etwas sichtbar, das verstehbar macht, wie man im KZ überleben kann.

Man darf auf große Vorbilder verweisen, die eine ähnliche Haltung zeigten: so hob z.B. Alexander Solschenizyn in seinem GULAG-Roman  »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« die fünf Minuten der Freiheit hervor, die ihm jeden Tag geschenkt wurden, wenn die Wachmannschaften die Gefangenen beim Morgenappell zählten und er unbeaufsichtigt jene Zeit dazu nutzen konnte, nur das zu denken, was er denken wollte. Dieser Augenblick der Freiheit war der Glücksmoment und der Kraftquell des Gepeinigten. Auch J. Lusseyrans KZ-Erfahrung wäre hier zu nennen, die er in »Das wiedergefundene Licht« beschreibt.

 

 

Erwachen

 

Dass Gyurkas Todeserfahrung einen Bewusstseinswandel bei ihm bewirkte, wird unmittelbar im weiteren Verlauf der Romanhandlung deutlich: ein Pfleger fragt ihn nach seinem Namen. Gyurka nennt seine Häftlingsnummer. Doch der Pfleger will tatsächlich seinen Namen wissen, den, welchen er in Auschwitz »verlor«. Der Junge nennt seinen Namen. Kertesz wechselt nun die Erzählhaltung: er lässt Gyurka den Leser mit »Du« ansprechen! Die »Wiedergewinnung« seines Namens erklärt vielleicht die Entdeckung des »Du«, da das »Ich«  nun keine Ziffer mehr, sondern wieder ein Mensch ist. Diese Du-Anrede erfolgt unmittelbar nach Gyurkas Todeserfahrung: sein Neueintritt ins Leben , die Hinwendung zu einem »Du«, darf als eine urmenschliche Geste gedeutet werden, die sich im Umfeld der anderen elementaren Existenzerfahrungen in der Krankenstation in Buchenwald (wie z.B. Misstrauen und Angst) behauptet. Und nun tritt Gyurka als ein verwandelter Mensch auf: die seelische Aufmerksamkeit, ein nun die verwirrenden Ereignisse erkennendes geschultes Auge sowie ein funktionierender Verstand dokumentieren die erworbene Mündigkeit des Jungen und zeigen eine im Vergleich zum Beginn des Romans gereifte Persönlichkeit. Gyurka ahnt etwas von der Gewalt des Schicksals und dem Geheimnis des Lebens:

 

»Wie gesagt, all das nahm ich auf, nahm es zur Kenntnis, doch immer mit dem Gefühl,...dass ich währenddessen die ganze Zeit auf etwas wartete, und wenn ich auch nicht wusste, worauf eigentlich, so eben doch auf die Wende, darauf, dass das Geheimnis sich lüftete, auf das Erwachen sozusagen.« (S. 215).

 

 

Zeit

 

Dieses »Erwachen« für das Geheimnis des (Über-)Lebens wird im neunten und letzten Kapitel in erschütternder Weise dargestellt: Gyurka trifft nach der Befreiung des KZ in seiner Heimatstadt zunächst einen Journalisten, der von ihm wissen will, wie die »Hölle des KZ« aussah. Gyurka antwortet, er kenne die Hölle nicht, sondern nur das KZ. Und nun enträtselt er dem Journalisten einen Teil seines »Geheimnisses« – dass das Überleben im KZ nur durch ein Sich-Hinopfern an die Zeit möglich sei: die Zeit helfe bei allem, sie bilde gewissermaßen die Sphäre, in deren Nacheinander sich das Begreifen entfalten könne. Sie sei gnädig, verschone sie doch den KZ-Häftling  von der Wucht eines Wissens, das in seiner Geballtheit tödlich für den Betroffenen enden müsste. Im Rückblick auf seine Ankunft in Auschwitz, das Ende seiner »Reise«, sagt Gyurka:

 

»... und ich versuchte ihm zu erklären, wie es ist, an einem nicht gerade luxuriösen, im ganzen aber doch annehmbaren, hübschen und sauberen Bahnhof anzukommen, wo einem alles erst langsam, in der Abfolge der Zeit, Stufe um Stufe klar wird. Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, sie hinter sich weiß, kommt bereits die nächste. Wenn man dann alles weiß, hat man auch alles bereits begriffen. Und indes man alles begreift, bleibt man ja nicht untätig: ... man lebt, man handelt, man bewegt sich, erfüllt die immer neuen Forderungen einer jeden neuen Stufe. Gäbe es jedoch diese Abfolge in der Zeit nicht und würde sich das ganze Wissen gleich dort auf der Stelle über uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus, und auch unser Herz nicht.« (S. 272 f.).

 

Wie solle man, so fragt Gyurka den Journalisten weiter, z.B. 12 Jahre Konzentrationslager aushalten, wenn man diese 12 Jahre nicht gnädigerweise in der Zeitfolge entfaltet verbringen dürfte? 12 x 365 Tage = 12 x 365 x 24 Stunden x ...  usw. und das Ganze zurück in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen ...   

Die Erfahrung von 12 Jahren Lager auf einen Schlag hätte niemand ausgehalten . Der Journalist ist erschüttert – ist das die Hölle? Der mitfühlende Leser wird ebenfalls an dieser Stelle die »Hölle« vergessen und  bei der Vorstellung der Janusköpfigkeit der Zeit – von ihrer »Gnade« (insofern sie sich erstreckt) und ihren »Schrecknissen« (insofern sie sich so gnadenlos lange erstreckten!) – das Unmaß an Leid begreifen können, das  Menschen damals Menschen antaten.

 

 

Mitten hindurch

 

Zwei alte Nachbarn Gyurkas, denen er bei seiner Rückkehr einen Besuch abstattet, sind versunken in einer resignativen, mitfühlenden Zuschauerrolle: sie beklagen, wie alles kam:  die Veränderungen, der Judenstern, die Ghettos, die Befreiung... Doch Gyurka weiß auf diese Haltung, welche die verwirrte und verwickelte  Haltung von Ahnungslosen und Kindern repräsentiert, zu entgegnen, dass die Dinge eben nicht nur kamen, wir sind auch gegangen. Und der Junge leidet darunter, dass diese Selbstvergessenheit, das Vergessen, dass man gegangen ist, den Blick für die Schuld verdeckt, denn jeder hat seine Schritte gemacht, solange er konnte: auch ich, und das nicht nur in der Kolonne in Birkenau, sondern auch schon hier zu Hause.

Damit schließt sich der Kreis. Der Roman kehrt wieder zu seinem Anfang zurück: die Naivität seines eigenen Daseins ist dem Protagonisten deutlich geworden. Er ist mitten hindurch gegangen durch sein Schicksal, das ihn aus seiner unbeschwerten Kindheitswelt an den Rand des Abgrunds des Vorstellbaren gerissen hat. Die Bewahrung des Glaubens und der Hoffnung sowie die Erfahrung der Liebe als einer allumfassenden Kraft haben Gyurka gerettet.

Doch was ist der Preis? Der Preis ist, dass der Ich-Erzähler seine Vorstellung vom grandios kleinen Überlebensglück im KZ mit der hehren Münze des Begriffs Glück bezahlt hat und damit auf Unverständnis gestoßen ist. Das ist eine erschütternde Erfahrung. Wer dies als Verhöhnung von KZ-Opfern empfindet, vergisst das Opfer Gyurka, das sich trotz seiner Wehrlosigkeit immer gewehrt hat.

Doch das ist nicht der ganze Preis. Das Buch heißt »Roman eines Schicksallosen«. Gyurka sagt am Ende: Auch ich habe ein gegebenes Schicksal durchlebt. Es war nicht mein Schicksal, aber ich habe es durchlebt. .. Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte, mit Anstand. Wo werden hier KZ-Opfer verhöhnt? Doch nicht dadurch, dass jemand ein ihm unbegreifliches fremdes Schicksal »auf sich genommen« hat? Wie soll man die Unbegreiflichkeit des KZs als »sein Schicksal« begreifen? Wer will richten darüber, wie jemand mit 15 Jahren etwas zu begreifen versuchte, was mit dem Namen »Hölle« nicht zu bezeichnen war?

Können angesichts solcher aus der Innensicht einer Romanfigur geschilderten authentischen Erlebnisse Sätze wie die folgenden als Provokationen gelten?

»Ich möchte behaupten, dass wir bestimmte Begriffe erst in einem Konzentrationslager wirklich verstehen«  oder:  »Zum Beispiel wurde mir bald klar, dass ich zu Hause nicht richtig gelebt, meine Tage nicht richtig genutzt hatte und dass es viel, sehr viel zu bereuen gab.« (S. 182).

 

 

1  Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen, Berlin 1996 (Rowohlt), bzw. Reinbeck 1999 (Rohwolt TB); auch als Hörbuch erschienen (Der Hörverlag 2000).

 

Autorennotiz:

Norbert Otto, geb. 1954  in Essen, Studium der Geschichtswissenschaft, Germanistik und Philosophie in Bochum, Lehrer an der Waldorfschule Bochum 1980-1983, danach 2. Staatsexamen (Gymnasium), seit 1985 Oberstufenlehrer an der Rudolf Steiner Schule in Witten. Veröffentlichungen: seit 1983 zahlreiche Rezensionen in anthroposophischen Zeitschriften; unter dem Pseudonym Jan Kiro Gedichte in Anthologien (1992/93) sowie im Jahresheft der Wittener Waldorfschule; ein Theaterstück (1993) im Privatdruck (»Tage im Herbst – Szenen aus dem Leben Vaclav Havels«); Bühnenfassung des Romans »Der gelbe Vogel« von M. Levoy, Manuskript.

 

 

Die Drei, 71. Jahrgang Heft 10, S. 26-32.

 

 

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