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Buchbesprechungen
"Menschwerden im Maschinenpark"
Die Drei 8-9 2002
Chance und Versuchung
Mensch. Beiträge für Morgen. Technik – Chance und Versuchung. Info3 Verlag, Frankfurt am Main 2002. 80 Seiten, 5 EUR.
In der jüngsten Ausgabe des vier Mal im Jahr erscheinenden Heftes »Mensch – Beiträge von Morgen« sind insgesamt dreizehn Artikel versammelt, die inhaltlich um das Thema Technik kreisen. Markus Giesder geht der Frage nach, »wie drahtloses Telefonieren unsere körperliche und geistige Gesundheit bedroht« und arbeitet hierzu die neuesten Erkenntnisse auf naturwissenschaftlichem Felde heraus. So liefert die neurobiologische Forschung Hinweise dafür, dass der Gebrauch von Handys zu erheblichen Beeinträchtigungen der elektrischen Signale des Gehirns führen kann. Giesders hält einen Zusammenhang zwischen der Verringerung des körpereigenen Hormons Melatonin und der Wirkung von elektrischen Feldern für evident. Melatonin ist ein Hormon, das den Schlaf und Wachrhythmus steuert. Es hemmt eine Vielzahl unterschiedlicher Tumorzellen an ihrem Wachstum. Mit der Verringerung des Hormons steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken. Dem Autor zufolge ist der Zusammenhang zwischen der Wirkung von Errungenschaften der modernen Technik und der Erkrankung von Menschen nicht zu leugnen. Allerdings wird nicht ganz klar, welche Konsequenzen Giesder aus solchen und anderen Erkenntnissen der Neurobiologie gerade im Hinblick auf den Umgang mit modernen Technologien zieht. Sollen wir Handys meiden oder gar vollständig auf ihren Gebrauch verzichten? Beide Perspektiven scheinen mir wenig realistisch zu sein.
Mit großem Gewinn habe ich den Beitrag von Michael Eggert über den »Mythos des maschinellen Menschen« gelesen. Eggert entwirft auf dem Hintergrund der »cyborgisierten Realität« ein zunächst bedrohlich wirkendes Szenarium des sich bereits heute ankündigenden »posthumanen Zeitalters«. Dieser Epochenbeginn führe den Menschen an den Punkt, an welchem der Rekurs auf überlieferte Werte und Handlungsweisen durch die sich verselbständigende technische Entwicklung ad absurdum geführt werde. Dies zeige sich vor allem in der modernen Transplantationsmedizin, die auf einem Modell des Menschen beruhe, das diesen als potentielles Ersatzteillager für Organe ansehe und somit in bestimmten Ausnahmesituationen der Verdinglichung ausliefere. Die Verteidiger dieses Modells erklären aus Utilitätsgründen das so genannte Gehirntodkriterium zur legitimatorischen Richtschnur ärztlichen Handelns. Für Eggert zeichnet sich damit eine Zäsur in der Entwicklung der conditio humana ab.
Moderne technologische Innovationen wie die Erfindung des Internets ermöglichen die Ortlosigkeit und Leibbefreiung des Menschen. Alles ist überall, oder besser: fast überall, verfügbar. Das Internet hebt die Differenz zwischen Welt und Wohnzimmer auf. Der Konsument muss sich nicht mehr leiblich zum Ort der Begegnung, der Information, der Erfahrung hinbewegen. Die Entgrenzung des Menschen, der man bereits in den Optimierungsutopien der Gentechnologen begegnet, ist exemplarisch im Internet wahrnehmbar. Eggert konstatiert einen tiefgreifenden Wandel im Lebensgefühl und Lebensgefüge des Menschen selbst, der die Ideologie der Entgrenzung und Leibbefreiung hervorbringe oder durch diese rückbestimmt werde: »Offensichtlich beginnt sich die früher selbstverständliche ›Deckung‹ zwischen Geist und Leib aufzulösen. Der Mensch identifiziert sich nicht mehr selbstverständlich mit seiner leiblichen Identität und beginnt andere Identitäten, ja sogar ein Leben jenseits des leiblich und genetisch Gegebenen für vorstellbar und anstrebenswert zu halten.«
Im Folgenden versucht der Autor die gegenwärtige technologische Entwicklung zu beleuchten, indem er auf einzelne Hinweise Rudolf Steiners Bezug nimmt. Steiner hat die Entwicklung des Maschinellen und die damit einhergehende Entfremdung des Menschen von den Ergebnissen seiner Arbeit als eine Notwendigkeit begriffen, welche den modernen Menschen zur Selbstlosigkeit erziehe. Das Berufsleben, so prognostizierte er, werde sich immer weiter loslösen »von dem menschlichen Interesse«. Dadurch werde eine gewisse Objektivität der eigenen Tätigkeit gegenüber hergestellt. Schließlich würden sich Aspekte des menschlichen »Willens- und Gesinnungslebens« in die Maschinen selbst »hineinverweben, hineingliedern.« In ferner Zukunft werde alles, »selbst die äußerste, kälteste technische Entwicklung«, den »Abdruck menschlichen Wesens« an sich tragen.
Roland Benedikter untersucht in seinem Beirag die zukünftige Verschmelzung von Fernseher, Telefon und Computer zu einem unversalen Einheitsgerät, wie es sich bereits in der Erfindung und Anwendung der Webcams abzeichnet. Bart Maris zeichnet den Vormarsch der Biotechnologie nach und belegt, dass eugenische Utopien und Praktiken in einem ethischen Vakuum, das die moderne Naturwissenschaft erzeugt, zunehmend Raum greifen. Hendrik Vögler nimmt sich der Embryonalen Stammzellforschung an. Der Autor weist darauf hin, wie auf dem Hintergrund solcher Verfahren wie Präimplantationsdiagnostik (PID) oder Therapeutisches Klonen (TK) das individuelle Gewissen und Urteil herausgefordert wird. Arfst Wagner spürt Rudolf Steiners Hinweis nach, derzufolge in Zukunft Technologien existieren würden, die ihren Antrieb moralischen Energien verdankten. Wagner stellt die Versuche des amerikanischen Erfinders John Worrell Keely dar, der in dieser Richtung bereits Ende des 19. Jahrhunderts experimentierte. – Weitere Artikel zur Geschichte der Erfindungen, zur Solartechnik und zur Notwendigkeit eines umfassenden Paradigmenwechsels in den Wissenschaften runden die Darstellung dieses interessanten, gut lesbaren Heftes ab.
Ralf Sonnenberg
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