Die Drei 10 / 2002

Buchbesprechung

 

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Jugendbewegung einst

Christiane Haid: Auf der Suche nach dem Menschen. Verlag am Goetheanum, Dornach 2001. 284 Seiten, 17 EUR.

 

Christiane Haids Buch über »Die anthroposophische Jugend- und Studentenarbeit in den Jahren 1920-1931« trägt den Titel »Auf der Suche nach dem Menschen«. Für eine fast 80 Jahre zurückliegende Phase der Geschichte der anthroposophischen Bewegung ist die Formulierung überraschend allgemein und aktuell. Die Autorin entfaltet vor dem inneren Auge des Lesers ein Tableau der verschiedensten Gruppierungen und Beziehungen, die im Umfeld von Rudolf Steiners Wirken zur damaligen Zeit entstehen. Sie führt uns zu den ersten Versuchen Einzelner, Theosophie und Universitätsstudium zu vereinen, gleichgesinnte Jugendliche zusammenzubringen und zu den uns heute fremd erscheinenden ersten anthroposophischen Hochschulkreisen, die mit starkem Selbstbewusstsein die akademische Wissenschaft von Grund auf reformieren wollten. Wir begegnen jungen Menschen, die unermüdlich und eifernd Anthroposophie in die Welt stellen wollten, ohne die eigenen Kräfte und Möglichkeiten richtig einschätzen zu können. Der unserer Zeit sehr fremde Agitationston kann den heutigen Leser befremden, der Missionsdrang und die latente Überheblichkeit überschwenglich begeisterter Studenten, von der Autorin behutsam zitiert und kommentiert, berührt unangenehm.

Nach der ersten Phase des »Scheiterns« anthroposophischer Hochschularbeit tritt eine Verinnerlichung ein. Man besinnt sich auf die eigenen, individuellen Fragen. Die »Bewegung für religiöse Erneuerung« (Christengemeinschaft) entsteht, die Teilnehmer des »Pädagogischen Jugendkurses« finden sich zusammen. Die aus der Wandervogelbewegung zunächst hervorgegangene anthroposophische Jugendbewegung macht auf viele heutige Menschen sicher den Eindruck ungebändigter, starker Kraft. Die Entbehrungsbereitschaft und die Überzeugung von den eigenen Ideen, die zu einer geschlossenen Weltanschauung geformt wurden, scheinen in dieser Weise einer vergangenen Zeit anzugehören. Auch das, was aus der suchenden Haltung des »Pädagogischen Jugendkurses« entsteht, wirkt zunächst sicher und klar, ohne existentielle Zweifel (im Einzelnen betrachtet, relativiert sich der Eindruck sicherlich). Als zentrale Frage formuliert sich die nach geistgemäßer Gestaltung der Zukunft. Das mag selbstverständlich für die Hoffnungen von Jugendlichen klingen, hat jedoch hier eine ganz konkrete, dieser Generation eigene Willensqualität. Alte Konventionen, herübergetragen aus der Starre des 19. Jahrhunderts, wirkten erdrückend. Die jungen Menschen wollten in sich ein tätiges, lebendiges Verhältnis zum Geistigen erleben. Aus den Teilnehmern des Kurses gingen tragende, verlässliche Gründerpersönlichkeiten hervor, auf deren Wirken viele heute bestehende Institutionen zurückgehen. Kontinuierliche esoterische Arbeit, fruchtbare Pädagogik, Heilpädagogik, Medizin, Landwirtschaft usw. stellen sich in die Forderungen der Zeit hinein.

Rudolf Steiners Tod und die politischen Ereignisse lassen dann zwar viele Projekte scheitern, die Anfang der 20er Jahre begonnen wurden, vieles aber wird durchgetragen oder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder aufgenommen und bildet den Grund des anthroposophischen Kulturimpulses. Rudolf Steiner war es im »Pädagogischen Jugendkurs« ein tiefes Anliegen, unbewusste Strebenskräfte einer Generation durch die Klärung des eigenen Verhältnisses zum Denken in die Sphäre des Bewussten zu heben.

Das breite Panorama, das Christiane Haids Buch evoziert, ist nicht leicht zu beschreiben. Es ist ein Bild von aus der Peripherie zusammenlaufenden Schicksalsfäden ganz unterschiedlicher Ausdrucksart. Die außerordentlich gründliche Recherche und sachliche Darstellung verhindern nicht die Berührung mit den Menschen und ihren Idealen, Zielen und Fragen, die den eigentlichen Inhalt des Buches bilden. Ein Geschichtsbuch besonderer Art, das ein wenig mehr klar macht, in welcher Zeit wir heute leben. Wer heute jung ist, lebt ohne geschlossene Weltanschauung, ohne fertige Begriffe, hält sich im Offenen und setzt sich diesem aus. Die leise Tendenz, die Christiane Haids zentrales Kapitel über den »Pädagogischen Jugendkurs« bereits berührt, ist zum grundlegenden Lebensgefühl geworden. Spätestens seit den 80er oder 90er Jahren fühlt sich kaum ein Jugendlicher noch von einer »Bewegung« getragen, mit der er sich identifiziert. Er kann nur als Individuum andere junge Menschen suchen, die Kernanliegen- und Fragen mit ihm teilen, die Ziele müssen daraus individuell entstehen. Sie widersetzen sich dem Rahmen einer umhüllenden Gruppe oder eines Weltbildes, mag es noch so spirituell und »gut« sein. »Die Suche nach dem Menschen« ist das bisher grundlegendste historische Werk über die anthroposophische Jugendarbeit der Anfangsjahre. Seine Lektüre macht wach für die auch heute im Unbewussten ruhenden Anliegen der kommenden Generationen.             Lydia Fechner