Die Drei 10 / 2002

Buchbesprechung

 

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»Herrnpflaume«

 

Werner Bartens/ Martin Halter/ Rudolf Walther: Letztes Lexikon. Eichborn Verlag,

Frankfurt 2002. 327 Seiten, 27,50 EUR.

Lieben Sie Lexika? Steht bei Ihnen vielleicht ein alter Brockhaus oder Meyer in mehrbändiger Ausgabe, ledergebunden, aufgereiht? Nicht nur das Wissen vergangener Epochen kann man daraus entnehmen, sondern auch deren Vergänglichkeit und Wandlung. Dieser »Kreis des Wissens« (»Enzyklopädie«) war es, den die gutbürgerlichen Schichten in ihren mit Glastüren versehenen Bücherschränken aufbewahrten: Prachtbände, insbesondere die Konversationslexika aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit ihren Stichen, den mit Pergamentpapier geschützten  Farbtafeln und den aufklappbaren Karten. Es ist eine Freude darin zu stöbern und den Geist der vergangenen Jahrhunderte zu entdecken. Goethe, obwohl er sie selbst mehrbändig besaß und benutzte und wie Lessing darin Ergänzungen eintrug, bezeichnete sie dennoch als »Krambuden der Literatur, wo jeder einzeln sein Bedürfnis pfennigweise nach dem Alphabet abholen kann.«  Dennoch, den Herausgebern des rezensierten Buches ist zuzustimmen, wenn sie schreiben: »Wir schätzen die alten Lexika nicht nur als Gesamtkunstwerke aus verlegerischem Wagemut, Buchdruckerkunst, intellektuellem und sprachlichem Glanz, sondern auch als die Summe dessen, was frühere Generationen für wissens- und überlieferungswert hielten. Aus synoptischen Quer- und diachronen Längsschnitten, aus der Aneinanderreihung und Gegenüberstellung von Zitaten aus verschiedenen Ausgaben ergibt sich ein bald funkelndes, bald trübes Kaleidoskop der deutschen Geschichte.«

Was will und bietet das »Letzte Lexikon« auf seinen 320 Seiten? Wenn ich richtig gezählt habe, sind es ca. 800 Stichwörter, zu denen aus dem Fundus alter Lexika Erklärungen zusammengestellt worden sind. Es blieb den Vorlieben und der Willkür der Herausgeber überlassen, wieso gerade diese und nicht andere Stichwörter genommen wurden. Ich habe jedenfalls keine überzeugende Erklärung gefunden. So ist Phantasie und Duldsamkeit des Lesers gefragt, die jedoch mit einem außerordentlichen Lesevergnügen belohnt werden: vorausgesetzt, man liebt dieses Genre.

Leider, mein Egoismus sei bitte verziehen, fehlt der Begriff »Anthroposophie«. Dafür wird man mit der Ausarbeitung des Stichwortes »Buddhismus« belohnt: » … eine Art entartetes Katholizismus.« Er »plagiiert das römische Papsttum samt Zölibat, Ohrenbeichte, Rosenkranz, Weihwasser, Mönchswesen und Gebetsmaschinen, selbst sein Gebetszepter ist ein unseren Mörserkeulen ähnelndes Instrument«. (Brockhaus 1892) Die Wandlung der Begriffe trifft auch die Stichwörter zur jüngsten Geschichte, von denen einige wenige aufgenommen sind, so z.B. »Bücherverbrennung«. In der Brockhaus-Ausgabe von 1952 wird sie gar nicht erwähnt, in der von 1996 mit einem Bild und zehn Zeilen.  

»Je wilder und roher die Zustände der Menschheit sind, desto mehr pflegt dieser Glaube zu herrschen.« So steht es im Brockhaus von 1892 zum Stichwort »Spiritismus«.  Was Imanuel Kant über die »Neger« sagte, ist vermerkt, die Mongolen, auch die Italiener werden charakterisiert. Und »Moral« und  »Frauenfrage« werden hier ebenso aufgeführt wie die skurrilen Stichwörter »Herrnpflaume«, »Groß-Popo« oder »Grübelsucht«! Mit »Lachen« und »Humor« kann man auch diese ertragen. Immer wieder kann der neugierige Leser ein Schlagwort entdecken, das durch die über Jahrhunderte veränderte Bedeutung nicht nur über das unterschiedliche Wissen der Epochen berichtet, sondern über das sich wandelnde Bewusstsein der Menschen. Unter diesem Aspekt betrachtet, liefert dieses originelle Lexikon eine Fülle von  Beispielen, wie sich die Verstandes- und Gemütsseelenkonfiguration früherer Zeiten heute als Bewusstseinsseele äußert.                       Achim Hellmich