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Die Drei 10 / 2002 Buchbesprechung
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Pionier der Psychotherapie
Norbert Grodeck: Carl Rogers. Wegbereiter der modernen Psychotherapie. Primus Verlag, Darmstadt 2002. 213 Seiten, 19,90 EUR.
Über Carl Ransom Rogers (1902-1987), den Wegbereiter der modernen Psychotherapie, eine Biografie zu schreiben, ist keine leichte Aufgabe. Dies nicht nur, weil sich eine solche Biografie von den bisherigen, vorwiegend englischsprachigen Versuchen der letzten Jahre klar abzuheben hätte, sondern insbesondere deshalb, weil Carl Rogers als Mensch lebenslang um die Frage des werdenden Selbst gerungen hat. Rogers Biografie ist Ausdruck dieses Ringens und nicht von der zentralen Frage zu trennen, was menschliche Lebensläufe eigentlich ausmacht, was sich an ihnen »nicht nur im Nachhinein« beobachten lässt und was als Phänomen in ihnen aufleuchtet.
Die hier vorzustellende Biografie ist die erste Darstellung des Lebens dieses Forschers in deutscher Sprache. Eine solche zusammenhängende Würdigung seines Lebens und Wirkens war erstaunlicherweise sehr lange ein Desiderat der Forschung, und das, obschon der von Rogers in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Amerika entwickelte Ansatz einer personzentrierten Gesprächsführung schon seit vielen Jahren auch im deutschsprachigen Raum in den unterschiedlichsten Bereichen der Therapieeinrichtungen und des Bildungswesens äußerst fruchtbare Wirkungen entfaltet. Rogers klientenzentrierte Gesprächstherapie zählt erwiesenermaßen heute zu denjenigen Heilungsmethoden, die Veränderung bewirken. Insofern dürfte diese Biografie ein breites Interesse finden.
In sieben Kapiteln verfolgt Norbert Grodeck – seines Zeichens leitender Lehr- und Ausbildungstherapeut in der Arbeitsgemeinschaft für klientenzentrierte Therapie und humanistische Pädagogik in Siegen – Leben und Wirken dieses Forschers. Der Aufbau des Werkes, das sich stellenweise höchst spannend liest, ist chronologisch. Im Vordergrund stehen – gemäß dem gewählten Untertitel »Wegbereiter der modernen Psychologie« – Rogers immense Verdienste bei der Formulierung einer Wissenschaft vom Menschen, die dessen seelische Befindlichkeit zum entscheidenden Ausgangspunkt individueller Entwicklung macht. Jeder Mensch, so lässt sich dessen Konzept verkürzt charakterisieren, weiß intuitiv, was für seine individuelle innere Entwicklung richtig ist. Dies hat zur Folge, dass wir uns nicht gegenseitig beibringen können, was gut für uns ist, sondern uns nur dabei unterstützen können, es selbst herauszufinden. »Ich wollte«, schrieb Rogers einmal, »einen Arbeitsbereich finden, der mir die Freiheit der Gedanken ließ.« Als roter Faden zieht sich dieses Motiv durch sein gesamtes Lebenswerk und es gehört zu den anregendsten Augenblicken einer Lektüre dieser Biografie, immer wieder zu sehen, wie er bei der Verfolgung seiner, das Leben in den Grundfesten der Existenz bejahenden Maxime eigene biografische Krisen konstruktiv für sich zu lösen vermochte und so seine wissenschaftlichen Forschungen qualitativ weiter zu entwickeln imstande war. »Rogers Verdienst«, formuliert Groddeck deshalb auch ganz richtig, liegt »nicht so sehr in der Erfindung einer neuen Methode, sondern eher im lernenden Aufgreifen der Ansätze (seiner Zeit, M.M.), in deren Integration und später in der Verdichtung dieser unterschiedlichen Elemente zu einem praktizierbaren, überprüfbaren und in sich schlüssigen Gesamtkonzept.«
Tatsächlich besitzt der personzentrierte Forschungsansatz und seine gesellschaftspolitischen Implikationen Berührungspunkte zu vielen anderen, ebenfalls die innere Freiheit und Entwicklung des Menschen fördernden Modellen im 20. Jahrhundert. Nicht nur Ivan Illichs Konzept einer Entschulung der Gesellschaft, das (wie Rogers klientenzentrierte Gesprächsführung) in den USA entstand und erst mit erheblicher Zeitverzögerung in den siebziger Jahren auch in Deutschland rezipiert wurde, zählt hierzu. Rogers bewegte berufliche Laufbahn als Therapeut und Wissenschaftler bildet für Groddeck die Folie, auf der er den Werdegang des Menschen Carl Rogers beschreibt. Zwar erscheint diese Ebene des Werkes verglichen mit der Darstellung von Rogers wissenschaftlichem Werdegang deutlich inkongruenter (was möglicherweise in der dem Autor zur Verfügung stehenden knappen Zeit begründet ist, da das Buch zu seinem 100. Geburtstag am 8. Januar 2002 erscheinen sollte), es muss demgegenüber jedoch ausdrücklich betont werden, dass Groddecks Biografie ihre Leser wirklich anzurühren in der Lage ist. Denn der Verfasser vermeidet es konsequenterweise, die Person Carl Rogers zu glorifizieren oder sie mit der Aura des Besonderen zu umgeben und zeigt stattdessen, ganz im Sinne von Rogers, die Persönlichkeit dieses bemerkenswerten Menschen auch in ihren Schwächen – etwa in der Überwindung übermäßigen Alkoholkonsums, im autoritären Verhalten seinen Kollegen gegenüber oder den nicht unproblematischen Beziehungen zu seiner Frau Helen sowie seinen Familienangehörigen. Indem Groddeck dies behutsamer – dabei jedoch nicht unkritischer – tut als bisherige Biografen, mit deren Werken sich der Autor über das gesamte Werk hin auseinandersetzt, hat er Rogers Lebenswerk sehr angemessen beschrieben. So wünschte man sich als Leser dieser faszinierenden Biografie eigentlich nur noch, dass dem Autor mehr Zeit zur Verfügung geständen hätte, um die Phänomene, auf die man bei einer Beschäftigung mit Leben und Werk Rogers stößt – wie etwa dessen Aufgabe seiner früheren Ablehnung eines »Lebens nach dem Tod« angesichts des Todes von Helen – noch eingehender zu durchleuchten. Dem Verlag war es zudem offenbar nicht möglich, die zahlreichen Druckfehler, die der Leser in diesem Buch vorfindet, rechtzeitig auszumerzen. – Die Nachricht von seiner Nominierung für den Friedensnobelpreis aufgrund seiner friedensstiftenden Arbeit erreichte Rogers »indirekt« durch Freunde, da er zu diesem Zeitpunkt bereits im Koma lag, in das er 1987 nach einer Oberschenkeloperation gefallen war. – Künftige Arbeiten über Carl Rogers werden sich an vorliegender Biografie zu orientieren haben. Matthias Mochner