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Die Drei 10 / 2002
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Andreas Laudert
Größerwerdendes Nichtverstehen
Ein Portät des Schriftstellers Botho Strauß
Wer weiß von sich, ob er nicht ein Zwischenträger ist? Wer weiß, welche Nachricht ihm anvertraut wurde und mit welchen Worten verschlüsselt er sie überbringt? Ob nicht das, was er so eigenständig gesprochen glaubt, in Wahrheit eine Botschaft darstellt, von der er nichts ahnt?
Wer aus dem Nichtverstehen des ganz Anderen zurückkehrt, wird auch den Anderen, den Menschen seiner Umgebung, mit größerem Nichtverstehen ehren. Er wird sich seiner allzu schlüssigen Menschenkenntnis schämen.
Botho Strauß1
In seinem jüngsten Stück »Unerwartete Rückkehr« führt Botho Strauß zwei Männer und zwei Frauen, die schicksalhaft miteinander verstrickt sind, in einem Gebirge zusammen. Eines der Paare pflegt hier in einem Chalet Urlaub zu machen. Der eine Mann hatte früher ein Verhältnis mit der Frau des anderen. »Zufällig« stößt er nun mit seiner neuen Geliebten dazu. Es bleibt unklar, wie sich Zeit und Raum tatsächlich zueinander verhalten, außerdem ist es »erniedrigend heiß«. Das Stück beginnt auf einem »Plateau«, einer Aussichtsplattform, von wo die Figuren mit Ferngläsern ins Tal auf ihr Chalet hinunterschauen. Dort spielt auch ein gleichsam die gemeinsame Vergangenheit objektivierendes Gespräch der beiden Nebenbuhler. An einer anderen Stelle sagt die Frau zu der jungen Geliebten: »Es ist leichter, jemanden in Ruhe zu betrachten, wenn man nicht mehr zu ihm gehört.« In Gesprächen über das Älterwerden werden Reflexionen eingestreut: »Der Leib schläft nur ein Weilchen. Eines Tages wird er wieder aufwachen.« Der Gastgeber sagt zu seinem ehemaligen Konkurrenten: »Nun will es der Zufall, der Berg gibt Sie frei, der dunkle Rüdersberg, der uns immer ein wenig bedrückt, wenn wir dort unten im Haus sind …« Im Haus – heißt das: in unseren Körpern? »Sie leben noch«, sagt die Frau zu ihrem ehemaligen Liebhaber, der stets unter »Atembeschwerden« gelitten hatte, dieser antwortet: »Finden Sie?«, und die Frau gibt zurück: »Nein – ich wollte etwas anderes fragen.«
Vieles ließe sich problemlos als unverbindliche Betrachtung lesen und auf den Charakter des partnerschaftlichen Status quo beziehen. Andererseits hat man das Gefühl, der Autor streut Spuren, und so fragt man sich, ob die zitierten Passagen nicht auch mit der akuten Situation der vier Protagonisten zu tun haben: »… Ich frage mich, wenn man sich sucht im Jenseits: woran erkennt man sich? Wir sehen ja nicht mehr aus wie wir uns kannten. Das Bild ist weg. Das Bild eines Menschen ist nicht zu retten. Es dauert nicht mehr lange und wir sehen nicht mehr aus. Du siehst nicht mehr aus.« Der ehemalige Geliebte schlägt der Frau vor, abzureisen und es noch einmal miteinander zu versuchen: »… Es geht ums nackte Überleben. Ich muß irgendetwas anpacken … Ich muss etwas ganz fest anpacken …« Schwindet ihm das Empfinden für seinen Körper? Die Frau antwortet: »Aber, Lieber … ! Wie du vor mir stehst … als hätte dir einer mit Zauberhand den Mann von der Stirn gewischt! Jemanden so zu entzaubern, das kann doch nur ein höheres Wesen …« Sollen diese Passagen als bloß lyrische Umschreibungen, als Metaphern aufgefasst werden, oder liegt noch eine zweite Bedeutungsschicht darunter? Handelt es sich bei »Unerwartete Rückkehr« gar um eine Art Kammerspiel im Kamaloka? Erzählt es davon, wie vier Menschen gerade durch das Fegefeuer ihrer alten Begierden gehen und schon dabei sind, ihr zukünftiges Verhältnis zueinander, die »Rückkehr« ins Leben also, zu planen? Und wenn es so wäre – aus welcher Perspektive, aus welcher Quelle wird hier erzählt? Es ist vielleicht gar nicht so wichtig, ob Strauß diese Option bewusst in seinen Text hineingelegt hat oder ob man das Stück damit ganz klar überinterpretieren würde. Vielmehr ist für die Rezeption seiner Dramen der Schluss einer Rezension der Berliner Uraufführung – Regie führte sein Freund Luc Bondy – symptomatisch: »Das Publikum klatschte … lange, aber leise – unschlüssig, ob etwas Großartiges von ihm erlebt wurde, und wissend, dass, falls nicht, es selber Schuld ist. Es ist viel Unfassbares gezeigt worden, ausgeschmückt mit Unfassbarkeit.«2
Nicht immer wird Strauß die »Unfassbarkeit« seiner dichterischen oder essayistischen Wortmeldungen nur mit einem gemäßigten Unverständnis quittiert. Sie wird ihm auch ärgerlich vorgeworfen. Wo aber, wenn nicht in der Kunst, dürfte man »unfassbar« sein? Für viele Künstler ist das Element der Schwebe, der Vieldeutigkeit die Bedingung der Kunst und das Unfassbare ihr Thema: die Religion erlebe, was die Wissenschaft erkläre, der Künstler aber, so wird postuliert, umspiele es nur. Strauß beherrscht diese Kunst etwas zu meisterhaft. Die Kritik Peter Kümmels in der »Zeit« vom 14.03.02, in Strauß’ neuem Stück gäbe es zu viele Gedanken, »für die der Dichter schon vor zwanzig, dreißig Jahren Worte gefunden hat«, trifft einen Nerv. Strauß enttäuscht unsere Erwartungen – allerdings nicht konsequent genug. Ist er selbst daran Schuld, dass das Publikum sich schuldig fühlen muss, wenn es ihn nicht versteht? Pflegt Strauß – gewollt oder ungewollt – die Aura dessen, der um keinen Preis etwas Intimes verraten will? Wo begänne »Verrat«? Hat er etwas zu verraten – oder sucht er danach? Weil sie jegliche Festlegung verweigert, ist seiner Dichtung eine gewisse Koketterie eigen. In Büchern wie »Beginnlosigkeit. Reflexionen über Fleck und Linie« von 1992 hat Strauß sich jedoch immer auch – Goethe gleich – auf wissenschaftliches Terrain gewagt.
In »Die Fehler des Kopisten«, seinem vielleicht schönsten Buch, heißt es auf Seite 72:
»… mein heimlicher Trost: in der Kunst kein Künstler sein. Und niemals einer von diesen ästhetischen Henkergesellen, die eine kalte Klinge im Auge haben, die Guillotine-Blicke auf dich werfen und fallbeilartig Urteile fällen, die despotischen Puristen, fürchterlich Reinen, die immer engherziger werden, je weniger Menschen sich um ihre Worte und Werke versammeln.«3
Auf dem Stückmanuskript verläuft der Schriftzug von Botho Strauß’ Unterschrift, per Hand neben den gedruckten Titel gesetzt, von unten nach rechts oben, als ginge auch der Namensträger einen Weg »ins Gebirge«, auf etwas Hohes oder Höheres zu.
Auf der Suche nach dem Erhabenen im Profanen
Botho Strauß wurde im Dezember 1944, hundert Jahre nach Nietzsche, in Naumburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Theatergeschichte und Soziologie war er kurze Zeit Redakteur der Zeitschrift »Theater heute« (mit der er vor einigen Jahren in einen Rechtsstreit geriet, weil man einen privaten Brief von ihm veröffentlichte). Dann wurde er Dramaturg an der Berliner Schaubühne, dem ehemaligen Theater am Halleschen Ufer, wo die enge und bis heute bestehende Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Stein begann. Der Durchbruch des Autors Strauß gelang Mitte/Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, wobei die Theaterstücke »Trilogie des Wiedersehens« und »Groß und klein« beispielhaft zu nennen wären.
Das Milieu seiner Figuren ist die Lebenswelt der 68er-Generation. Strauß suchte dabei nie das bloß »Alternative«, sondern das ganz Andere, das Ursprüngliche und Eigene – das Erhabene im Profanen. Es verlangt ihn danach, auf alles scheinbar Bekannte wie zum ersten Mal zu schauen, alles Vertraute immer wieder neu zu erheben. In diesem Sinne ist Strauß’ Schreiben seismographisch. Es blickt hinter die Kulissen unserer Verhältnisse, indem es die feinen Risse in ihnen ausfindig macht und beschreibt. Strauß betreibt eine präzise, liebevolle Phänomenologie des Menschlichen und hebt Urbildliches in unser Bewusstsein. Ein bevorzugtes Sujet sind Paar-Beziehungen: »Mit Aristoteles und dem Papst teile ich die Überzeugung, daß das Paar jeder weiteren Gemeinschaft vorgeht. Es ist sogar der einzige Inhalt meines Schreibens …Von ihm leiten sich alle sozialen Elementarien ab, nicht zuletzt das der Entzweiung.«4 Immer wieder erzählt er Geschichten von Liebenden, die über sich selbst hinauswollen, schildert kurze oder lange Begegnungen, in denen dadurch, dass das Ereignis der Liebe sich nicht über sich selbst aufklären kann, Schicksal aufscheint, spontanes Verbundensein, Offenbarung statt rationaler Vermittlung. Strauß wurde oft mit Peter Handke verglichen, seinerseits ein Sucher nach der »wahren Empfindung«, nach dem Augenblick, in dem die Dinge sich selber aussprechen. Von hier führt der Weg weiter zum für Strauß zentralen Begriff der »Überlieferung«, wo Identität glaubhafter erlebbar ist als im bloß Modischen, Aktuellen. Strauß spricht seinen Liebespaaren ihren eigenen Mythos zu. Der Akt der Entzweiung, der Entwürdigung setzt da ein, wo »Er« oder »Sie« ihr Geheimnis wegrationalisieren wollen. In dem lesenswerten, 1981 erschienenen Prosaband »Paare, Passanten«, einer losen Sammlung skizzenhafter Beobachtungen, kurzer Erzählungen und Aphorismen, heißt es über eine Wiederbegegnung eines inzwischen getrennten Paares:
»…Vier Jahre nach unserer Trennung bringt sie mir ein Buch zurück und sitzt nun wieder, in neuen Kleidern und mit kürzerem Haar, auf derselben Fensterbank, auf der sie auch an unserem letzten Abend saß. Ungeniert spricht sie sogleich ›über uns‹. Dass ich damals auf dem besten Wege gewesen sei, in ihr alles Positive auszumerzen. Dass ich mich nie anders als verächtlich über ihren Beruf, ihre Mama, ihren Geschmack und ihre Vergangenheit geäußert hätte. Kein Liebeslob, aber jede Kleinlichkeit, die ich mir zuschulden kommen ließ, scheint sie frisch in ihrem Gedächtnis zu bewahren, und sie zitiert mich wörtlich. Wie wenig amüsant ist das! Wiederbegegnungen solcher Art sollten doch den Schmerz von damals zum Flirt von heute, zum Flirt unter Erfahrenen machen. Wie schal und mäßig aber ist es, sich jetzt in aller Ruhe und Offenheit zu sagen, was man damals nur unter Panik und Erbleichen herausgebracht hätte. Sollte sie etwa die ganze Zeit über meiner nur in der Form dieser leblosen Abrechnung gedacht haben? Wären wir nicht getrennt, so sähe ich darin den gültigsten Trennungsgrund: dass sie nicht fähig ist, sich unserer schmerzlich und großmütig zu erinnern. Ich schrak zurück, als sie mich zum Abschied plötzlich küsste. Nie mehr! Nie wieder Du!«5
»In seinem Herzen ist niemand Demokrat«
Mancherorts ist Botho Strauß’ Name zum bloßen Reizwort, ja zum Kampfbegriff degradiert worden, um als Erkennungsmelodie für untereinander augenzwinkernd Einige bei Bedarf zu erklingen. Die Szene machte aus ihm einen Verbitterten, der einer verkommenen Mitwelt alttestamentarische Flüche entgegenschleudert. Dabei zeichnen sich seine typischsten Werke durch eine plastische Menschenschilderung aus. Man bekommt beim Lesen den Eindruck, daß, der hier schreibt, die Menschen liebt. In »Die Fehler des Kopisten« findet sich eine autobiografische Episode, in der Strauß mit feiner Selbstironie einen Zirkusbesuch mit seinem kleinen Sohn beschreibt, bei welchem er, der Schriftsteller, Vorführobjekt eines Messerwerfers wurde. In wenigen Sätzen gelingt Strauß eine kleine Studie über Befangenheit, über die Fallhöhe zwischen schützender Prominenz und plötzlichem Ausgeliefertsein.
Gottfried Benns Ausspruch »Dichter, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher« wird gerne auf Strauß gemünzt, was absurd ist, da Strauß zu den elegantesten Stilisten gehört, welche die deutsche Literatur je hervorgebracht hat. Wenn man hineintaucht in seine Welt, entsteht das Bild einer empfindsamen Seele, die etwas nachtrauert, und das eines auf Diskretion angewiesenen Geistes, der unerkannt bleiben will. Es ist seltsamerweise nie das Bild eines Kämpfers, nicht einmal das eines widersprüchlichen Menschen. Sein Werk scheint Vertiefung von etwas Erkanntem, weniger Dokument eines Ringens. Thomas Oberender, heute Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, hat in seiner Dissertation herausgearbeitet, dass Strauß’ Werk von Kontinuität geprägt ist, dass auch die späteren, provokanten Auslassungen – von denen noch zu sprechen sein wird – nur die Entfaltung im Frühwerk angelegter Keime sind. Auch Strauß, dem der Konsens des Mainstreams verhasst ist, verlangt es nach dem anderen »Einzelnen«, nach den Gleichgesinnten, den »in der Menge versteckten Rosenkreuzern«.6 Strauß entzieht sich den Talk-Shows, er hat nicht wirklich eine Fangemeinde und könnte kaum Kult werden. Man kann ihn nicht »lieben«; man muss ihn verletzen, will man ihm begegnen.
1993 erregte Strauß Aufsehen mit dem zuerst im »Spiegel« erschienenen Essay »Anschwellender Bocksgesang«. An den heftigen Reaktionen konnte man damals einmal mehr feststellen, wie mühsam es ist, über einen so komplexen Begriff wie »nationale Identität« unvoreingenommen zu schreiben. Sobald man sich überhaupt auf dieses Gebiet wagt, und zwar auf eigenständige Weise, schallen einem reflexhaft empörte Stimmen aus allen Teilen der Gesellschaft entgegen. Angesichts dieser trägen Masse »Mitte« positioniert sich Strauß ausdrücklich als Außenseiter, da er eine solche Mitte für eine Chimäre hält und als politischen Propagandabegriff kritisiert: »In seinem Herzen ist niemand Demokrat.«7 Dass Strauß Beifall von der falschen Seite erhielt, hat er sich allerdings selber zuzuschreiben – nicht, weil Sätze wie »Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind ›gefallene‹ Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen, ordnungsstiftenden Sinn hatten«8 wirklich missverständlich wären. Strauß formuliert eindeutiger, als man zunächst meint. Sondern weil er seine Gedanken und seine Perspektive zu wenig vermittelt. Statt gemeinsam mit dem Leser eine Brücke zu einem Gedanken zu bauen, bietet er als Brücke nur seine eigenen Sätze an, deren Gedankengang zu folgen nicht immer leicht ist. Strauß versucht, den Ursprung der Begriffe sprachkritisch zu beleben, an tiefere, archetypische Schichten zu rühren und fragt aufreizend sachlich, »wie man sich ›links‹ nennen kann, da links doch von alters her als Synonym für das Fehlgehende gilt«: »Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt …«
Es geht Strauß darum, unser Sensorium für die Substanz des Tragischen und Erschütternden zu schärfen – zum 11.September äußerte er sich ebenfalls im »Spiegel« –, für das, was intellektuell nicht restlos eingeordnet werden kann: »Die Schande der modernen Welt ist … das unerhörte Moderieren, das unmenschliche Abmäßigen der Tragödien in der Vermittlung. Aber die Sinne lassen sich nur betäuben, nicht abtöten. Irgendwann wird es zu einem gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug kommen.«9
Oft wurde moniert, Strauß’ Ton sei »belehrend«; der Autor sende von hoher Warte kryptische Botschaften an die Welt, ohne sich mit deren Fragen und Problemen tatsächlich zu befassen. Strauß entzieht sich nicht der Mühe, den Phänomenen seiner Zeit probeweise mit Empathie zu begegnen und sich mit dem, was er bekämpft, zu beschäftigen. Doch geht seinen schriftstellerischen Äußerungen diese Beschäftigung voraus, der Kampf liegt zurück. Was Strauß dann als Text formuliert, ist die Essenz, ist sein »Eigenes«. Die Tradition des Austauschs von Argument und Gegenargument, von These und Antithese unterläuft er. Bloß eine »Meinung« zu haben interessiert ihn nicht. Strauß geht einen Umweg: Er wird konkret, indem er verallgemeinert, er bezieht sich, indem er umspielt. Strauß geht von der einmal gewesenen Synthese aus und sucht sie – als Zukunft – wiederzufinden:
»Das Kind soll fechten lernen und reiten, Klavier spielen, im Chor singen, es soll die Natur lieb haben und Jesus Christus. Fromme Wünsche: des Guten zu viel! …Nichts schmerzlicher, als ein Kind, das zuerst alles begriff …eines Tages an die durchschnittliche Vernunft zu verlieren und im Jargon der Argumente und Informationen daherreden zu hören …«10
Griff nach dem Unvermuteten
Ein fruchtbares Sich-dem-Andersdenkenden-Widmen ist für ihn dann möglich, wenn es glückt, die zugrundeliegende, gleiche Quelle des »Gedanken-haben-Könnens« freizulegen, wenn man die eigene Verwurzelung in einem bestimmten Gedanken nicht verleugnet, aber mit der Offenheit verbindet, in einen Dialog zu treten. Das Missverständnis, schreibt Strauß, »wird einem menschlich teuer«. Dafür zahlt er einen entsprechend hohen Preis: Er stößt auf Gleichgültigkeit oder Ablehnung, wo seine Worte sich nicht mehr übersetzen lassen in die Welt der Anderen, in denen ja nicht weniger unbekanntes »Eigenes« lebt, das geachtet werden möchte. Sein Unbehagen am Diskurs hat Strauß bereits 1981 in »Paare, Passanten« durchscheinen lassen. Dort spricht er einmal von der »einlullenden Reflexion«, »die den Begriff wichtiger nimmt als den geistesgegenwärtigen Griff nach dem Unvermuteten … Ehe wir an die Existenz intelligenter Wesen außerhalb unseres Planeten glauben, sollten wir überzeugt sein von der Existenz revolutionärer Gedanken außerhalb unseres vorherrschenden Bewusstseinsbetriebs. Was mag nicht alles längst aufgetaucht sein während des letzten Jahrzehnts und trieb vielleicht sein erstaunliches Wesen im Äther unserer Tage und wir haben es infolge der Dogmen und Schranken unserer Wahrnehmung nicht einmal bemerkt, nicht bemerken können.«11
In den letzten Jahren ist immer wieder das Gerücht aufgetaucht, Strauß stünde der Anthroposophie nahe. Tatsächlich finden sich in Strauß’ Werk viele Stellen, die man bloß hintereinander zu zitieren bräuchte, und man staunte. Sie sind zahlreicher geworden. Dies macht ihn natürlich für Anthroposophen interessant, während für Strauß das Aufkommen dieses Gerüchtes die Anthroposophie uninteressant machen mag. Im Programmheft zur Uraufführung von »Unerwartete Rückkehr« hat Strauß über den norwegischen Maler Odd Nerdrum – wie Strauß 1944 geboren– einen sehr schönen, fast begeisterten Aufsatz veröffentlicht. Darin scheut er sich nicht zu erwähnen, dass dieser »auf einer anthroposophischen Schule« erzogen wurde. Man gewinnt den Eindruck einer Seelenverwandtschaft. Zumindest versucht Strauß nicht, diesen zu verbergen.
Der Maler Alexej Jawlensky kam einmal nach einem Vortrag zu Rudolf Steiner und sagte zu ihm: »Ich bewundere Sie – aber ich verstehe nicht!« Steiner antwortete: »Ach, Sie sind doch Maler! Gehen Sie nur Ihren Weg!« Das Verhältnis von Ästhetik und Spiritualität ist kompliziert und spannungsreich. Ein Künstler – sei er Maler oder Schriftsteller – braucht diese Spannung und hat Angst, sie aufzulösen. Er hat vielleicht Skrupel und muss Skrupel haben, den von Steiner beschriebenen Schulungsweg konkret zu gehen. Er empfindet vielleicht die Gefahr einer Festlegung darin, die ihn von seiner Kreativität entfernen könnte und will Menschen nicht durch ideologische Programmatik abschrecken. Auch Dichter wie Rilke oder Kafka – wie Jawlensky Zeitgenossen Steiners – hatten diese Sorge. Rilke ging wohl einen ähnlichen Weg wie Jawlensky, während Kafka sich der Entscheidung entzog – er blieb auf der Schwelle zwischen Künstlertum und esoterischer Schülerschaft wie ein müder Kämpfer einfach stehen. Natürlich gibt es auch ganz andere Auffassungen von Kunst als die hier dargestellte – etwa den Ansatz Goethes. Sie sollen aber hier ausgeklammert bleiben.
Warum belassen wir es nicht beim Staunen? Verbieten wir uns jene pädagogische Ungeduld, die so leicht in Hochmut umschlagen kann, weil man meint, man würde einen Menschen kennen und würde wissen, was er sucht und was für ihn gut ist.
Auch Strauß ist ein Kind seiner Zeit, ein Kind der Moderne. Von der Postmoderne will er sich nicht so recht adoptieren lassen, obwohl es möglicherweise längst geschehen ist. Ihr Paradigma ist das Spiel, die Option, die Übergängigkeit der Welten. Damit berührt sie die Schicksale Rilkes, Jawlenskys und Kafkas. Sie unternimmt den Versuch, an dem diese scheiterten, wie ein zweites Mal. Aber scheiterten sie denn?
Seit einigen Jahren lebt Strauß mit seiner Familie in einem Haus in der Uckermark. Diese Tatsache ist oft Anlass für milden Spott, weil die Öffentlichkeit nicht damit zurechtkommt, wie sich hier einer abwendet von allem, was »in« ist, was die Zeit prägt. Doch prägt nicht auch die bloße Existenz einer Individualität wie Botho Strauß die Zeit mit – vielleicht mehr als sie weiß? Was sie – gekränkt? – als elitäre Verachtung interpretiert, fällt es nicht auf sie selbst zurück, auf die Unfähigkeit, souverän und offen mit einer Gestalt wie Strauß umzugehen und sich von seinen Denkwegen anregen zu lassen? Sind seine Gedanken nicht Realitäten?
»Ich träume in Inseln, ich wache in Inseln. Alle Zusammenhänge haben enttäuscht« schreibt Strauß in dem Essay »Zeit ohne Vorboten« von 1998.12 Es ist der letzte Satz in dem Buch.
»…Weißt du«, heißt es dagegen in einem Dialog aus »Der Kuss des Vergessens«, »alles beginnt mit dem kläglichen Satz, der sonst am Ende einer traurigen Liebesgeschichte steht: ›Gib mir noch eine Chance‹ …
...Tatsächlich noch einmal –
… Was wir sehen, ist: Die Liebesgeschichte beginnt nach der Liebe.«
Autorennotiz:
Andreas Laudert, geb. 1969. Erzieher-Ausbildung. 1995-2001 Arbeit in einem Waldorfkindergarten und am Heilpädagogischen Therapeutikum in Berlin; dort erste Begegnung mit der Anthroposophie (1995). 1996-2000 Studium an der Hochschule der Künste Berlin. Buchveröffentlichungen u.a.: »Die Unentschiedenen«, Roman. Essays u.a. in der »Süddeutschen Zeitung«. Aufführungen von Theaterstücken an verschiedenen deutschen Bühnen (derzeit »Auf Schädelhöhen« im Hans-Otto-Theater Potsdam und »Feeb« im Deutschen Theater Göttingen; am 28.2.2003 findet die Uraufführung von »Immer« im Landestheater Tübingen statt). In diesem Herbst erscheint erstmals eine Gedichtauswahl in Buchform (Merlin-Verlag Gifkendorf). – Seit September 2001 ist Andreas Laudert Student am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Hamburg. – Adresse: Hofweg 85, 22085 Hamburg.