Die Drei 10 / 2002

Buchbesprechung

 

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Wohin gehen wir?

 

Andrzej Stasiuk: Neun. Roman. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002. 298 Seiten, 22,90 EUR.

 

»Neun« heißt »Neun«, weil es das neunte Buch ist, das Andrzej Stasiuk geschrieben hat. Außerdem gibt es in dem Roman etwa neun Hauptfiguren, deren Wege sich kreuzen, umspielen, verbinden, ineinander verzahnen und auseinandergehen oder abrupt abbrechen. Wir sind wieder in Warschau, der durch die Weichsel in Osten und Westen geteilten Stadt, wo der Autor, 1960 geboren, in deren östlichem Teil Praga aufgewachsen ist. Es sind nicht mehr die Dreißigjährigen, wie in »Der weiße Rabe«. Der eine hat lange, graue Haare; der andere hat an Jahren und Leibesfülle zugenommen und wird von seiner sechzehnjährigen Freundin Speckbär genannt. Sie haben jüngere Freundinnen oder fast noch kindliche Geliebte. Bis auf Bolek (Speckbär) und Herrn Max bewegen sich die Männer auf der Verliererseite. Pawel hatte ein kleines Textilgeschäft, dann aber Schulden gemacht. Jetzt war man ihm auf den Fersen, und er brauchte Geld. Bolek, ein Kumpel von früher, ließ ihn abblitzen. Jacek hatte selbst Probleme.

Es war ein April wie im Herbst, meinte Pawel. In der Nacht hatte es geschneit. Am Morgen, nach dem Erwachen, fand er in der Wohnung eine Trümmerlandschaft vor. Der Spiegel im Bad war zerschlagen. Zahnpasta an der Wand ausgedrückt, Tuben und Fläschchen lagen auf dem Boden. Im Zimmer war es auch nicht besser. Und vom Bus aus erzeugte ein fragiles Geländer mit durchbrochenem Muster die »hoffnungslos alltägliche Vision der Unendlichkeit«. Oder, er sah die am Horizont stehenden grauen Wohnblocks wie vom Himmel herunterhängende, schmutzige, durchlöcherte Vorhänge. »Wolken und Wände in der gleichen Farbe.« Solche Stimmungsbilder in Miniaturausgaben durchziehen das ganze Buch, wie kleine Inseln in dem unaufhörlichen, irren Strom der Autos, Busse und Straßenbahnen, dem Fluss des Geschehens. Die Straßen sind pulsierende Adern, meist laut und belebt. Sie ziehen sich bis zum Schluss, zur Verfolgungsjagd auf den Dächern, immer dichter um Pawel und Jacek verengend zusammen. Der Leser begleitet seine Helden nicht bis zu ihrem vielleicht bitteren Ende. Was letztlich geschieht, wird geschehen, aber praktisch hinter geschlossenem Vorhang. Ob Beata die erpresserischen Überfälle des Blonden überlebt, Zosia die Kollision auf dem Zebrastreifen mit Boleks BMW, wer weiß? Zosias Kater jedenfalls lebte. Das erfahren wir auf der letzten Seite. – Der Pfarrer schloss die Kirchentür ab, ging die Treppe hinunter auf den Bürgersteig. Unter den »Schuhsohlen knirschten winzige Glassplitter. Er verlangsamte seinen Schritt. … Erst als die Autos an der Kreuzung unter der Ampel anhielten, hörte er ein leises Wimmern.« Eine Katze lag dort auf dem Bürgersteig, im alten Gras des Vorjahres, und versuchte sich zu bewegen. Er nahm sie behutsam auf den Arm und ging zurück zur Kirche.

Was den Figuren gleichzeitig geschieht, erscheint geschrieben, aufgesplittert in kleine Fragmente. Dabei vermischen sich die Zeiten in Erinnerungen, Räume und Jetztzeit, so dass die Orientierung gar nicht immer so leicht fällt. Aber man folgt dem Erzähler in die verschlungenen Fäden der menschlichen Verknüpfungen, Ängste und Erschütterungen. Man befindet sich schließlich im Halbwelt-, Unterwelt- und Kriminellenmilieu. Der »Speckbär« Bolek hielt sich in seiner geschmacklosen Luxuswohnung einen Kampfhund und die blonde Syl. Als er nur noch an die »schwere«, dunkle Irina dachte, schickte er Packer los, mit Syl Schuhe zu kaufen, teure, die sie im Fernsehen gesehen hatte, die sie sich wünschte. Anschließend ließ er sie nach Hause zurückschicken. Zu Hause gab es den Hinterhof, wo die Jungen Katzen an die Teppichstange banden und mit einer Luftpistole darauf schossen. »Jetzt musste sie dorthin zurückkehren. Alles war vorbereitet.«

Eines Morgens stand der Blonde am Bahnsteig, »er hatte Jeans für drei Millionen an und war zufrieden«. In Gedanken zählte er, was seine Kleidung wert war: vier die Schuhe, zwei das Hemd, die Jacke für zehn. »Nicht schlecht, aber es könnte besser sein.« Mit Händen in den Hosentaschen betrachtete er die aus dem angekommenen Zug herausquillende Menschenmenge, »ihre billigen Kleider, die nachgemachten Schuhe, das falsche Gold, die Plastiktüten, die Uhren aus Hongkong, die schiefen Absätze der Mädchen, die Skaijacken der Jungs«. Wohin gehen sie eigentlich? Linien, Schnüre von Bewegungen kommen einem in den Sinn, geometrische Assoziationen. »Die Leute schauten geradeaus, das heißt in die Zukunft.« Und die Zukunft ist das, was ihnen entgegenkommt. »Die Welt ging scheinbar irgendwie weiter, aber ihre Unendlichkeit erinnerte an das Innere einer blauen Schachtel.«

Andrzej Stasiuk erzählt »so unspektakulär wie beklemmend«. Ständig die Perspektive wechselnd, ist er den Protagonisten auf der Spur und am Puls der polnischen Metropole, den Düften und Gerüchen, der Ziellosigkeit und der Aussichtslosigkeit jeder Fluchtbewegung.

                                          Brigitte Espenlaub