Die Drei 8-9/2009

 

Editorial

 

 

Startseite

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

nehmen Sie sich Zeit für dieses Heft! Die Zeit läuft unentwegt – nonstop. Doch es liegt an uns, was wir mit und aus ihr machen. Das ist die Botschaft einer Ausstellung in der geruhsamen Schweiz über die Geschwindigkeit des Lebens, für die sich Urs Dietler Zeit genommen hat – offensichtlich mit Gewinn.

Die von Max Bill gestaltete Uhr auf der Titelseite weckt vielleicht Assoziationen an frühere Zeiten, an die eigene Kindheit. Solche Uhren waren in den 50er und 60er Jahren Bestandteil vieler »moderner« Küchen, über denen im Rückblick aber bereits ein gewisser Grauschleier liegt, so zeitlos sie auch daher kommen. Sie ist zugleich Ausdruck von »Living Bauhaus«, über dessen kulturelle Bedeutung sich Matthias Mochner Gedanken macht.

Gerade bin ich aus Sibirien zurückgekommen: Dort ist man uns nicht nur stets sieben Stunden voraus, sondern es herrscht auch eine andere Zeit – angemessen den Weiten von Wald und Steppe. Wenn es stürmt, muss man zwei Tage warten, um über den Baikalsee zu kommen – und das Beste aus der so gewonnen Zeit machen. Mit Improvisationstalent kommt man hier weiter als mit zielgenauen Planungen. Nicht abstrakte Vorstellungen sind gefragt, sondern das Eintauchen in den natürlichen Lebensstrom, der sich vom Menschen nicht ohne weiteres seine Gesetze aufzwingen lässt. Gelingt dies, so wandelt sich etwas in mir; ich öffne mich für die Welt als Ganze und »die große in ihr wohnende Kraft« (Galsan Tschinag).

Zurück in Deutschland, erfasst mich wieder der hiesige Takt der Zeit. In wenigen Tagen muss das Septemberheft zur Druckerei.  Wir finden nicht alles so vor wie geplant – und müssen improvisieren. Da war am letzten Tag vor den Ferien doch noch ein Artikel über die neuesten Spekulationen der EZB-Bank gekommen. Was auf den ersten Blick viel zu speziell aussah, entpuppte sich beim Lesen als ein hoch interessanter Beitrag, in dem Johannes Mosmann nicht nur die andauernde Finanzkrise hintergründig beleuchtet, sondern auch Grundfragen des Wirtschaftslebens durchschaubar macht und Perspektiven im Umgang mit Geld und Eigentum an Grund und Boden bietet – ein echter Glücksfall!

Auch das Oktober-Heft wirft nun schon seine Schatten voraus. Es wird unter der Frage: »Stammt der Mensch doch vom Affen ab?« die gemeinsame Entwicklung von Mensch und Tier zum Thema haben. Halten Sie sich offen für neue Gedanken – und nehmen sich dafür ein wenig Zeit!


Ihr Stephan Stockmar