Die Drei 7/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

»Der Mensch hat keine Sonderstellung auf der Erde«, so provoziert Renatus Ziegler in seinen philosophischen Miniaturen zur Evolution. Eine solche Aussage ist für den goetheanistischen Biologen zunächst schwer zu verkraften, ist er doch darum bemüht zu zeigen, wie bereits in der leiblichen Organisation die Freiheitsfähigkeit des Menschen veranlagt ist und wie diese Organisation sich im Zuge der Evolution in Form eines Trends zu immer mehr (relativer) Autonomie entwickelt hat.
Dem soll auch gar nicht widersprochen werden. Doch kann sich der Mensch mit der Erlangung seiner Freiheitsfähigkeit noch auf irgendeine gegebene, d.h. also nicht selbst erworbene Sonderstellung berufen? Er ist mit ihr in die Sphäre der Eigenverantwortlichkeit eingetreten und hat sich dadurch von seiner biologischen Vergangenheit ein Stück weit emanzipiert. Mit diesem Schritt ist natürlich das Risiko des Scheiterns verbunden. Wäre dem nicht so, wäre er weiterhin bloßes Naturwesen und damit in die Gesetzmäßigkeiten der Natur oder bestenfalls eines göttlichen Weltenplanes eingebunden; von Freiheit könnte keine Rede sein. Doch: »Die Erfüllung des Weltenplanes darf nicht planmäßig erfolgen, dies wäre das Scheitern« – so Günter Röschert in seinen Betrachtungen »Von der Rechtfertigung Gottes zur Rechtfertigung des Menschen«. Und mit diesem Scheitern wäre erst recht die Evolution als ›Höherentwicklung‹ in Frage gestellt.
Der freie Mensch muss auf seine Sonderstellung im Sinne eines Anspruchs verzichten – seinen Intellekt aufopfern, wovon Susan Andersen in ihrer Johanni-Betrachtung schreibt – und gewissermaßen noch einmal ganz von vorne anfangen, aus der Ohnmacht heraus. Insofern hat der Darwinismus völlig Recht: Als biologischem Wesen kommt dem Menschen keine größere Würde zu als den Pflanzen und Tieren. Diese erhalten ihre Würde durch den Menschen – soweit dieser sich selbst erwürdigt.
Ganz in diesem Sinne beschreibt Sophia-Janet Aleemi die langen, dünnen Menschenfiguren von Alberto Giacometti (der sich selbst ständig scheitern sah), wie sie gerade in der Fondation Beyeler im Schweizer Riehen zu sehen sind: »… wie Menschen aus ferner Zukunft, denen alles zum Menschsein Dienende abhanden gekommen ist, die sich daher nur noch in einer unermesslichen Richtkraft nach oben hin äußern können. Aufrichtekraft himmelwärts. Wir erleben hier eine Wirklichkeit, die wir noch kaum in der Lage sind zu erfassen. Zukünftiges berührt uns …«



Ihr Stephan Stockmar