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Liebe Leserin, lieber
Leser,
»Der Mensch hat keine Sonderstellung
auf der Erde«, so provoziert Renatus Ziegler in seinen philosophischen
Miniaturen zur Evolution. Eine solche Aussage ist für den
goetheanistischen Biologen zunächst schwer zu verkraften, ist er doch
darum bemüht zu zeigen, wie bereits in der leiblichen Organisation die
Freiheitsfähigkeit des Menschen veranlagt ist und wie diese Organisation
sich im Zuge der Evolution in Form eines Trends zu immer mehr
(relativer) Autonomie entwickelt hat.
Dem soll auch gar nicht widersprochen werden. Doch kann sich der Mensch
mit der Erlangung seiner Freiheitsfähigkeit noch auf irgendeine
gegebene, d.h. also nicht selbst erworbene Sonderstellung berufen? Er
ist mit ihr in die Sphäre der Eigenverantwortlichkeit eingetreten und
hat sich dadurch von seiner biologischen Vergangenheit ein Stück weit
emanzipiert. Mit diesem Schritt ist natürlich das Risiko des Scheiterns
verbunden. Wäre dem nicht so, wäre er weiterhin bloßes Naturwesen und
damit in die Gesetzmäßigkeiten der Natur oder bestenfalls eines
göttlichen Weltenplanes eingebunden; von Freiheit könnte keine Rede
sein. Doch: »Die Erfüllung des Weltenplanes darf nicht planmäßig
erfolgen, dies wäre das Scheitern« – so Günter Röschert in seinen
Betrachtungen »Von der Rechtfertigung Gottes zur Rechtfertigung des
Menschen«. Und mit diesem Scheitern wäre erst recht die Evolution als
›Höherentwicklung‹ in Frage gestellt.
Der freie Mensch muss auf seine Sonderstellung im Sinne eines Anspruchs
verzichten – seinen Intellekt aufopfern, wovon Susan Andersen in ihrer
Johanni-Betrachtung schreibt – und gewissermaßen noch einmal ganz von
vorne anfangen, aus der Ohnmacht heraus. Insofern hat der Darwinismus
völlig Recht: Als biologischem Wesen kommt dem Menschen keine größere
Würde zu als den Pflanzen und Tieren. Diese erhalten ihre Würde durch
den Menschen – soweit dieser sich selbst erwürdigt.
Ganz in diesem Sinne beschreibt Sophia-Janet Aleemi die langen, dünnen
Menschenfiguren von Alberto Giacometti (der sich selbst ständig
scheitern sah), wie sie gerade in der Fondation Beyeler im Schweizer
Riehen zu sehen sind: »… wie Menschen aus ferner Zukunft, denen alles
zum Menschsein Dienende abhanden gekommen ist, die sich daher nur noch
in einer unermesslichen Richtkraft nach oben hin äußern können.
Aufrichtekraft himmelwärts. Wir erleben hier eine Wirklichkeit, die wir
noch kaum in der Lage sind zu erfassen. Zukünftiges berührt uns …«
Ihr Stephan Stockmar
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