Die Drei 5/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

also doch: Die Mysterien finden heute auf dem Hauptbahnhof statt (siehe Titelbild) und nicht im Goetheanum. Die Neuinszenierung der beiden ersten Mysteriendramen Rudolf Steiners kommt nicht wirklich als Kunstwerk im Leben an, bleibt trotz zaghafter Neuansätze in Vorstellungen und Traditionen gefangen – so begrüßenswert es auch ist, dass sie wieder auf der Bühne hör- und sichtbar sind. »Die Praxis des Schöpferischen ist heute eine globale Überlebensfrage«, resümiert Ute Hallaschka in ihrer Besprechung.
Auch bei der Gestaltung des sozialen Lebens helfen Vorstellungen und Modelle nicht mehr weiter – darauf macht Enno Schmidt in seinem Zwischenbericht über die Bürgerbewegung Grundeinkommen aufmerksam. Die Güte einer Idee zeigt sich heute nicht mehr nur an der Idee selber, sondern vor allem auch in der Art und Weise, wie sie von einzelnen Individualitäten ergriffen und in das soziale Leben hereingestaltet wird. Die Krönungsaktion im Basler Bahnhof entfaltet ihre Wirkung nicht als inszeniertes Event, sondern im Realvollzug der Begegnung von Mensch zu Mensch als einer Würdigung auf Gegenseitigkeit.
»… wo Nerventätigkeit stattfindet, da ist Vorstellen des gewöhnlichen Bewusstseins vorhanden. Dieser Satz gilt aber auch umgekehrt: wo nicht vorgestellt wird, da kann nie Nerventätigkeit gefunden werden …«. Um diese Sätze von Rudolf Steiner (in: Von Seelenrätseln, IV.6) ging es am 17. und 18. April in einem von unserem Autor Ulrich Weger zusammen mit der Redaktion initiierten Kolloquium zur Bewusstseinsforschung, an dem Stefan Brotbeck, Oliver Dittmar, Friedrich Edelhäuser, Thomas Hardtmuth, Annette Pichler und seitens der Redaktion Lydia Fechner und Stephan Stockmar teilgenommen haben. Durch das Nadelöhr des Ersterbens der Idee in der Vorstellung und der damit einsetzenden Nerventätigkeit, die ebenfalls den Charakter eines Absterbens besitzt, einer Herablähmung der Lebensprozesse, muss der Mensch bewusst hindurchschreiten – um sich in Freiheit und mit das Leben umgestaltender Wirkung in die Region des lebendigen, leibungebundenen Geistes zu erheben, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Der freie Wille ist keine naturgegebene Eigenschaft des Menschen – da hat die moderne Hirnforschung ganz Recht. Auch dies ein Mysteriendrama, das ganz auf den einzelnen Menschen baut.

Ihr Stephan Stockmar