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Liebe Leserin, lieber
Leser,
also doch: Die Mysterien finden
heute auf dem Hauptbahnhof statt (siehe Titelbild) und nicht im
Goetheanum. Die Neuinszenierung der beiden ersten Mysteriendramen Rudolf
Steiners kommt nicht wirklich als Kunstwerk im Leben an, bleibt trotz
zaghafter Neuansätze in Vorstellungen und Traditionen gefangen – so
begrüßenswert es auch ist, dass sie wieder auf der Bühne hör- und
sichtbar sind. »Die Praxis des Schöpferischen ist heute eine globale
Überlebensfrage«, resümiert Ute Hallaschka in ihrer Besprechung.
Auch bei der Gestaltung des sozialen Lebens helfen Vorstellungen und
Modelle nicht mehr weiter – darauf macht Enno Schmidt in seinem
Zwischenbericht über die Bürgerbewegung Grundeinkommen aufmerksam. Die
Güte einer Idee zeigt sich heute nicht mehr nur an der Idee selber,
sondern vor allem auch in der Art und Weise, wie sie von einzelnen
Individualitäten ergriffen und in das soziale Leben hereingestaltet
wird. Die Krönungsaktion im Basler Bahnhof entfaltet ihre Wirkung nicht
als inszeniertes Event, sondern im Realvollzug der Begegnung von Mensch
zu Mensch als einer Würdigung auf Gegenseitigkeit.
»… wo Nerventätigkeit stattfindet, da ist Vorstellen des gewöhnlichen
Bewusstseins vorhanden. Dieser Satz gilt aber auch umgekehrt: wo nicht
vorgestellt wird, da kann nie Nerventätigkeit gefunden werden …«. Um
diese Sätze von Rudolf Steiner (in: Von Seelenrätseln, IV.6) ging es am
17. und 18. April in einem von unserem Autor Ulrich Weger zusammen mit
der Redaktion initiierten Kolloquium zur Bewusstseinsforschung, an dem
Stefan Brotbeck, Oliver Dittmar, Friedrich Edelhäuser, Thomas Hardtmuth,
Annette Pichler und seitens der Redaktion Lydia Fechner und Stephan
Stockmar teilgenommen haben. Durch das Nadelöhr des Ersterbens der Idee
in der Vorstellung und der damit einsetzenden Nerventätigkeit, die
ebenfalls den Charakter eines Absterbens besitzt, einer Herablähmung der
Lebensprozesse, muss der Mensch bewusst hindurchschreiten – um sich in
Freiheit und mit das Leben umgestaltender Wirkung in die Region des
lebendigen, leibungebundenen Geistes zu erheben, ohne sich dabei selbst
zu verlieren. Der freie Wille ist keine naturgegebene Eigenschaft des
Menschen – da hat die moderne Hirnforschung ganz Recht. Auch dies ein
Mysteriendrama, das ganz auf den einzelnen Menschen baut.
Ihr Stephan Stockmar
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