Die Drei 4/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Heft ist, passend zur Osterzeit, ein Nest voller Überraschungseier. Das beginnt schon mit der Titelseite: Sie sollte eigentlich ganz anders werden, hätte uns da nicht das (erbliche) Urheberrecht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch mit dem jetzigen Bild sind wir nicht weniger glücklich, so verwirrend es auf den ersten Blick auch erscheint. Grün passt ja zu Ostern – doch ein angefressenes, von Spuren durchzogenes Blatt? Und dann erst die Wortfetzen, die der Stuttgarter Handlungskünstler EDGAR HARWARTH drum herum montiert hat: Frühlingsmorgen-laufkäfers – Wurmtrocknis. – Dörferlinie-wegeplan – Wirtschaftsstreifen, – was wollen sie uns sagen? Aus dem gewohnten, ›verstehbaren‹ Sinnzusammenhang herausgerissen, werden sie zu einer ganz anderen Art von Wahrnehmungsinhalt. Ich muss sie mir buchtäblich auf der Zunge zergehen lassen, um ihnen auf die Spur zu kommen. Und dann hängt es von mir selbst ab, ob sie bloße Reste einer Zersetzung bleiben oder sich für neue Bewegungen öffnen. Tod und Auferstehung liegen hier ganz eng zusammen.
– Ähnlich geht es uns mit dem unfassbaren Ereignis von Winnenden, nur dass dort aus dem (vermeintlichen) Spiel tödlicher Ernst geworden und ein österlicher Neuanfang zunächst nicht erkennbar ist; es bleiben die Spuren der Zerstörung von Menschenleben. – CHRISTIAN VON ESEBECK weist in seiner Studie über den Sprachsinn auf das hin, »Was wir nicht hören: Die Wortwahrnehmung zwischen Klang und Bedeutung«. Auch um diesem tragischen Ereignis auf die Spur zu kommen, helfen nicht vorschnelle Interpretationen. Uns bleibt vorerst nur der unerträgliche Klang. Was macht er aus uns? Werden wir einmal durch ihn hindurchhören können? –
Eine ärgerliche Überraschung war für uns die Entdeckung eines eigenen Fehlers: einen falschen Text gesetzt zu haben, eine alte Fassung, die längst überarbeitet und dabei stark verändert worden war. Es geht um Stefan Weishaupts Artikel »Von der Schwierigkeit, für jemanden zu sprechen, der nicht mehr spricht«. Sie finden nun in diesem Heft einige Kerngedanken der ›richtigen‹ Fassung, sozusagen als ›work in progress‹; die vollständige richtige Version steht auf unserer Internet-Seite unter März 2009.
In der Hoffnung, dass Sie in diesem Heft für sich manche schöne Überraschung entdecken, grüße ich Sie herzlich –

Ihr Stephan Stockmar