Die Drei 3/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

heute erzähle ich Ihnen ein russisches Märchen, das mich sehr beeindruckt:1 Der Recke Ilja Muromez folgt einem Weg, an dessem Ziel ihm Heirat verheißen wird. Nach tagelangem Ritt durch unwegsames Gelände gelangt er zu einem prächtiges Schloss, in dem er von einer schönen, kostbar gekleideten Jungfrau empfangen wird. Sie fragt ihn nach Herkunft und Namen, doch er antwortet nur: »Ich ritt viele Tage und Nächte, durchstreifte die halbe Welt und schlief unter freiem Himmel auf dem nackten Erdboden. Eschöpft bin ich und möchte ruhen.« Da geleitet sie ihn in ein Schlafgemach und lädt ihn ein, sich auf dem eichenen Bett auszustrecken, über das eine gestickte Samtdecke gebreitet ist. Doch unser Recke fordert sie auf, sich zuerst nieder zu legen. Die Jungfrau erschrickt und weicht zurück. Aber Ilja Muromez packt sie mit beiden Händen und wirft sie auf die Lagerstatt, dass die Eichenbretter krachen. Das Bett kippt um, und darunter öffnet sich ein tiefer Keller, in den die Jungfrau herabfällt. Dort schmachten bereits zwölf Brautsuchende, die sich von den schmeichelnden Worten der Jungfrau haben verführen lassen. »Das geschieht Dir recht, meine Schöne«, dachte der Recke. »Deine Zärtlichkeit war wie das Lied einer falschen Nachtigall«.

Was hat Ilja Muromez die Verführungskünste der schönen Jungfrau durchschauen lassen und ihn so vor dem Dahinvegetieren im dunklen Keller bewahrt? Offensichtlich ging es ihm nicht um die Befriedigung bloß sinnlicher Bedürfnisse. Schon zuvor war er einem Weg gefolgt, der ihm versprach, getötet zu werden – nicht aus Übermut, sondern aus Furchtlosigkeit; seine Sorge galt nicht ihm selbst: »Die tödliche Gefahr will ich überwinden. Das Leben ist es Wert, den Kampf zu wagen.«

Und nun lässt er sich noch auf ein drittes Abenteuer ein und wählt den Weg des Reichtums, den er Anfangs mit dem Satz verschmäht hatte: »Eine unnütze Last nur wäre der goldene Beutel.« Wieder streift er durch die Steppe und erreicht schließlich drei Erdhügel, die sich als Gewölbe erweisen, in denen Gold, Silber und Edelgestein aufgehäuft sind. Er belädt das Pferd, läuft selbst nebenher durch die sengende Glut der Steppe – und teilt unterwegs seine Schätze aus, beschenkt die Bedürftigen und Obdachlosen.

»So war Ilja Muromez – tapfer im Kampf, standhaft der Versuchung gegenüber und freigiebig zu den Armen. Keiner unter den Recken kam ihm gleich.«


Ihr Stephan Stockmar


1 Die Drei Wege, in: Ilja Muromez und der Räuber Nachtigall. Heldensagen aus dem alten Russlan. Neu erzählt von Annelies und Siegried Linke, Berlin 1980 bzw. Stuttgart 1982