Die Drei 2/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

kurz vor Schluss konnte ich mir noch die große Beuys-Ausstellung »Die Revolution sind wir« im Hamburger Bahnhof zu Berlin anschauen.1 Einen ganzen Tag lang bin ich zwischen den Installationen aus Filz, Kupfer und Fett, den Hinterlassenschaften seiner Aktionen, vielen Zeichnungen, Schriftbildern und Objekten hin- und hergewandert, manchmal berührt und manchmal auch ratlos. Zum Schlüssel für dieses Werk wurden mir schließlich die vielen filmischen Aufzeichnungen von Aktionen, Gesprächen und Reden: Diese lebendige geistige Präsenz, diese zarte, fast tänzerische und doch sehr bestimmte Beweglichkeit, diese liebevolle Hingabe in allem Reden und Tun, gepaart mit einem gesunden Selbstbewusstsein.
Diese Verwandlungskraft, die die Stoffe und Gegenstände, mit denen er umgeht, ebenso ergreift wie die Menschen um ihn herum und noch durch das Medium Film spürbar ist, hat auch seine eigene Gestalt ergriffen: Das von innen her durchgearbeitete Gesicht während der Lehmbruck-Rede, die er wenige Tage vor seinem Tod im Januar 1986 gehalten hat, seinem Inspirator dankend für »vor allen Dingen das Hörende«, das durch dessen Skulpturen spricht. So viel Beuys auch redet, so bildet er doch selbst immer ein »intuitives Tor« für »das Hörende, das Sinnende, das Wollende« – ein moderner Schamane, der durch seine Person »sowohl materielle wie spirituelle Zusammenhänge in eine Einheit zu bekommen« sucht. Diese Fähigkeit spricht er jedem Menschen zu, der sich selbst wahrhaftig zum Menschen bildet, der das Kreuz der Freiheit auf sich nimmt und den Tod liebt. Dies lebend, hat Joseph Beuys, so scheint mir, ein Zukünftiges in die Gegenwart geholt, dem sich angesichts der Kriege, Krisen und Nöte nachzufolgen lohnt. Nicht ein neues System oder bloß »richtige« Gedanken bringen die Lösung, sondern nur das Selbstverständnis jedes einzelnen Menschen als Verwandlungskünstler.
Auch die früh vertorbene Simone Weil, die am 3. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, beherrschte diese Verwandlungskunst. Davon zeugt ein verstörender Satz, den Ruth Ewertowski zum Ausgangspunkt ihrer Würdigung nimmt: »Die unbeugsame Notwendigkeit, das Elend, die Verzweiflung, die erdrückende Last der Not und der Arbeit, die erschöpft, die Grausamkeit, die Foltern, der gewaltsame Tod, der Zwang, der Schrecken, die Krankheiten – all das ist die göttliche Liebe.«

Ihr Stephan Stockmar


1 Vgl. den Ausstellungsbericht von Volker Harlan in: DIE DREI, 12/2008, S. 76.