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Liebe Leserin, lieber
Leser,
kurz vor Schluss konnte ich mir noch die große
Beuys-Ausstellung »Die Revolution sind wir« im Hamburger Bahnhof zu
Berlin anschauen.1 Einen ganzen Tag lang bin ich zwischen den
Installationen aus Filz, Kupfer und Fett, den Hinterlassenschaften
seiner Aktionen, vielen Zeichnungen, Schriftbildern und Objekten hin-
und hergewandert, manchmal berührt und manchmal auch ratlos. Zum
Schlüssel für dieses Werk wurden mir schließlich die vielen filmischen
Aufzeichnungen von Aktionen, Gesprächen und Reden: Diese lebendige
geistige Präsenz, diese zarte, fast tänzerische und doch sehr bestimmte
Beweglichkeit, diese liebevolle Hingabe in allem Reden und Tun, gepaart
mit einem gesunden Selbstbewusstsein.
Diese Verwandlungskraft, die die Stoffe und Gegenstände, mit denen er
umgeht, ebenso ergreift wie die Menschen um ihn herum und noch durch das
Medium Film spürbar ist, hat auch seine eigene Gestalt ergriffen: Das
von innen her durchgearbeitete Gesicht während der Lehmbruck-Rede, die
er wenige Tage vor seinem Tod im Januar 1986 gehalten hat, seinem
Inspirator dankend für »vor allen Dingen das Hörende«, das durch dessen
Skulpturen spricht. So viel Beuys auch redet, so bildet er doch selbst
immer ein »intuitives Tor« für »das Hörende, das Sinnende, das Wollende«
– ein moderner Schamane, der durch seine Person »sowohl materielle wie
spirituelle Zusammenhänge in eine Einheit zu bekommen« sucht. Diese
Fähigkeit spricht er jedem Menschen zu, der sich selbst wahrhaftig zum
Menschen bildet, der das Kreuz der Freiheit auf sich nimmt und den Tod
liebt. Dies lebend, hat Joseph Beuys, so scheint mir, ein Zukünftiges in
die Gegenwart geholt, dem sich angesichts der Kriege, Krisen und Nöte
nachzufolgen lohnt. Nicht ein neues System oder bloß »richtige« Gedanken
bringen die Lösung, sondern nur das Selbstverständnis jedes einzelnen
Menschen als Verwandlungskünstler.
Auch die früh vertorbene Simone Weil, die am 3. Februar 100 Jahre alt
geworden wäre, beherrschte diese Verwandlungskunst. Davon zeugt ein
verstörender Satz, den Ruth Ewertowski zum Ausgangspunkt ihrer Würdigung
nimmt: »Die unbeugsame Notwendigkeit, das Elend, die Verzweiflung, die
erdrückende Last der Not und der Arbeit, die erschöpft, die Grausamkeit,
die Foltern, der gewaltsame Tod, der Zwang, der Schrecken, die
Krankheiten – all das ist die göttliche Liebe.«
Ihr Stephan Stockmar
1 Vgl. den
Ausstellungsbericht von Volker Harlan in: DIE DREI, 12/2008, S. 76.
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