Die Drei 11/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Andre Bartoniczek versucht in seinem Artikel über die »zivilisatorische Existenzfrage« Entwickelt sich Geschichte? eine Blickwendung, indem er Ereignisse der Weltgeschichte ins Visier nimmt, die scheinbar unvermittelt, ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Vorhergehenden stattfinden. Gerade sie erweisen sich im Rückblick oft als die wichtigsten Ereignisse; in ihnen scheint eine andere, tiefergehende Art von Zusammenhang als Sinnerfahrung auf. »Die Zusammenhanglosigkeit ist in Wirklichkeit also kein Fluch, sondern Manifestation der Würde des Menschen, der Souveränität des Ich.«
In den Gesprächen mit Autoren aus der ehemaligen DDR, die Adelbert Reif geführt hat, zeigt sich der nun bereits 20 Jahre zurückliegende Mauerfall als ein solches Ereignis. Der Westen allerdings, in diesem Fall auch die alte BRD unter Helmut Kohl, hat diese Zusammenhangslosigkeit ganz offensichtlich nicht lange ausgehalten oder aushalten wollen: Dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Wiedervereinigung wurden schnell der Charakter eines zwangsläufigen Naturgeschehens verliehen, wodurch die dazumal aus eigenem Entschluss handelnden Menschen tatsächlich ein Stück weit ihrer Würde beraubt wurden.
So sieht Christoph Hein als Folge einer bloß noch ökonomischen Interpretation der Ereignisse eine Wirtschaftsordnung heraufziehen, »die vermutlich nicht freundlicher sein wird …, aber mit fehlender oder mangelnder Demokratie sehr gut zurecht kommt« – so, wie wir es gerade an China erleben. »Diese Gefahr besteht auch für Europa«. Vehement wendet sich Hein gegen alle Verbiegungen, Verfälschungen und Unterschlagungen bei der Darstellung der Geschichte der DDR: »Jede Fälschung der Geschichte zerstört Freiheit«.
Diese Folge einer kapitalistische Vereinnahmung des Endes der DDR für das Erinnerungsvermögen der Menschen und damit für ihr eigenes Selbstverständnis greift auf sanfte Art und Weise auch Jenny Erpenbeck auf: Ihr komme es »komisch« vor, dass die DDR, »obwohl ich am selben Ort lebe, komplett verschwunden ist. … Man vermisst das Gute und das Schlechte einfach nur deswegen, weil man es gekannt hat. Und wenn man in ein System geworfen wird, das in jeder Hinsicht neu ist, von der Kultur, über die Menschen und Arbeitsstellen bis hin zu den Produkten, dann tritt ein existenzielles Vermissen dessen ein, was man kennt.«
Die Erfahrung der eigenen Existenz wird so in Frage gestellt – eine Situation, vor der heute auch viele Chinesen stehen: Vor allem in den Städten vollziehen sich in Folge der wirtschaftlichen Entwicklung die Umbrüche derart rasant und gnadenlos, dass man schon nach wenigen Monaten nicht mehr am selben Ort zu sein meint.
Das »Neue« entsteht in solchen Situationen nicht wie zu Zeiten Alexanders des Großen aus einem produktiven Verschmelzungsprozess verschiedener Kulturen mit dem Ergebnis einer »Öffnung der Welt« (so der Untertitel des großen Mannheimer Alexander-Ausstellung), sondern durch Überwältigung und Vereinheitlichung, was manchmal auch mit Globalisierung gleichgesetzt wird. Und etwas wirklich Neues ist dabei gar nicht mehr auszumachen, wie die gegenwärtige Finanzkrise zeigt.
Stephan Eisenhut behauptet zu Recht, dass das Finanzsystem nur deshalb so »gut« funktioniert, weil es bewussteinsmäßiges Dunkel um sich herum verbreitet. Wie aber lässt sich dagegen eine Aufklärung setzen, die nicht nur dieses Dunkel kritisch beleuchtet, sondern die zugleich zur Selbstaufklärung wird? Hierzu liefert dieses Heft einige interessante Ansätze.


Ihr Stephan Stockmar