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Liebe Leserin, lieber
Leser,
Andre Bartoniczek versucht in seinem
Artikel über die »zivilisatorische Existenzfrage« Entwickelt sich
Geschichte? eine Blickwendung, indem er Ereignisse der Weltgeschichte
ins Visier nimmt, die scheinbar unvermittelt, ohne erkennbaren
Zusammenhang mit dem Vorhergehenden stattfinden. Gerade sie erweisen
sich im Rückblick oft als die wichtigsten Ereignisse; in ihnen scheint
eine andere, tiefergehende Art von Zusammenhang als Sinnerfahrung auf.
»Die Zusammenhanglosigkeit ist in Wirklichkeit also kein Fluch, sondern
Manifestation der Würde des Menschen, der Souveränität des Ich.«
In den Gesprächen mit Autoren aus der ehemaligen DDR, die Adelbert Reif
geführt hat, zeigt sich der nun bereits 20 Jahre zurückliegende
Mauerfall als ein solches Ereignis. Der Westen allerdings, in diesem
Fall auch die alte BRD unter Helmut Kohl, hat diese
Zusammenhangslosigkeit ganz offensichtlich nicht lange ausgehalten oder
aushalten wollen: Dem Zusammenbruch des Kommunismus und der
Wiedervereinigung wurden schnell der Charakter eines zwangsläufigen
Naturgeschehens verliehen, wodurch die dazumal aus eigenem Entschluss
handelnden Menschen tatsächlich ein Stück weit ihrer Würde beraubt
wurden.
So sieht Christoph Hein als Folge einer bloß noch ökonomischen
Interpretation der Ereignisse eine Wirtschaftsordnung heraufziehen, »die
vermutlich nicht freundlicher sein wird …, aber mit fehlender oder
mangelnder Demokratie sehr gut zurecht kommt« – so, wie wir es gerade an
China erleben. »Diese Gefahr besteht auch für Europa«. Vehement wendet
sich Hein gegen alle Verbiegungen, Verfälschungen und Unterschlagungen
bei der Darstellung der Geschichte der DDR: »Jede Fälschung der
Geschichte zerstört Freiheit«.
Diese Folge einer kapitalistische Vereinnahmung des Endes der DDR für
das Erinnerungsvermögen der Menschen und damit für ihr eigenes
Selbstverständnis greift auf sanfte Art und Weise auch Jenny Erpenbeck
auf: Ihr komme es »komisch« vor, dass die DDR, »obwohl ich am selben Ort
lebe, komplett verschwunden ist. … Man vermisst das Gute und das
Schlechte einfach nur deswegen, weil man es gekannt hat. Und wenn man in
ein System geworfen wird, das in jeder Hinsicht neu ist, von der Kultur,
über die Menschen und Arbeitsstellen bis hin zu den Produkten, dann
tritt ein existenzielles Vermissen dessen ein, was man kennt.«
Die Erfahrung der eigenen Existenz wird so in Frage gestellt – eine
Situation, vor der heute auch viele Chinesen stehen: Vor allem in den
Städten vollziehen sich in Folge der wirtschaftlichen Entwicklung die
Umbrüche derart rasant und gnadenlos, dass man schon nach wenigen
Monaten nicht mehr am selben Ort zu sein meint.
Das »Neue« entsteht in solchen Situationen nicht wie zu Zeiten
Alexanders des Großen aus einem produktiven Verschmelzungsprozess
verschiedener Kulturen mit dem Ergebnis einer »Öffnung der Welt« (so der
Untertitel des großen Mannheimer Alexander-Ausstellung), sondern durch
Überwältigung und Vereinheitlichung, was manchmal auch mit
Globalisierung gleichgesetzt wird. Und etwas wirklich Neues ist dabei
gar nicht mehr auszumachen, wie die gegenwärtige Finanzkrise zeigt.
Stephan Eisenhut behauptet zu Recht, dass das Finanzsystem nur deshalb
so »gut« funktioniert, weil es bewussteinsmäßiges Dunkel um sich herum
verbreitet. Wie aber lässt sich dagegen eine Aufklärung setzen, die
nicht nur dieses Dunkel kritisch beleuchtet, sondern die zugleich zur
Selbstaufklärung wird? Hierzu liefert dieses Heft einige interessante
Ansätze.
Ihr Stephan Stockmar
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