Die Drei 10/2009

 

Editorial

 

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

natürlich stammt der Mensch nicht vom Affen ab. Doch versteckt sich hinter dieser falsch gestellten Frage ein durchaus heißes Eisen, das auch heute noch – wieder – zu gesellschaftlichen Zerwürfnissen führen kann, wie die Auseinandersetzungen zwischen Kreationisten und Darwinisten vor allem in den USA zeigen. Auch im anthroposophischen Bereich prallen verschiedene Standpunkte gelegentlich aufeinander. Letztlich geht es eben doch um die Frage: Muss der Mensch sich mit einem tierischen Erbe auseinandersetzen? Hat sein irdisch gewordener physischer Leib eine Evolution durchlaufen und somit Anteil an der Entwicklung vom Niederen zum Höheren? Bei einem »Bürger zweier Welten« ist die Beantwortung solcher Fragen nicht immer so einfach, wie wir manchmal gerne glauben möchten.
Es gibt zwischen Mensch und Affe neben großen Gemeinsamkeiten entscheidende Unterschiede, bis in die Physiologie hinein – dies arbeitet Thomas Hardtmuth am Beispiel der Neuroimmunologie eindrucksvoll heraus. Während Walther Streffer auf eine spannende Parallelentwicklung zwischen Vögeln und Menschen bis in das Verhalten hinein aufmerksam macht. Sie lässt Goethes Bemerkung zu Riemer verständlich werden: »Die Götter haben im menschlichen Körper eine unmögliche Synthese geleistet: Das Tier und den Menschen zu verbinden … Sie hätten auch den Vogeltypus nehmen können«.
Christoph Hueck fasst das Entwicklungsgeschehen zusammen, indem er seinen Blick auf das richtet, was sich in jedem Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft abspielt, zwischen Vererbung und Abstammung auf der einen und dem urbildlichen Gestaltungspotential auf der anderen Seite: Was in der Gegenwart als Ereigniss eintritt, muss sich in die äußere Umgebung einpassen, und ist zugleich offen für einen autonomen Impuls.
Die paläontologische Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich, wie das Menschliche sich zuerst – und schon sehr früh – in den Gliedmaßen bemerkbar macht, am aufrechten Gang. Während der Kopf erst zu einem relativ späten Zeitpunkt menschliche Gestalt annimmt. An diese Phänomene lässt sich mit den Ergebnissen der anthroposophischen Geisteswissenschaft gut anschließen (Schad, Rosslenbroich, Stockmar). Die Evolution kann also tatsächlich aus zwei Perspetiven betrachtet werden, die beginnen, sich miteinander zu verweben.

Ihr Stephan Stockmar