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Liebe Leserin, lieber
Leser,
natürlich stammt der Mensch nicht
vom Affen ab. Doch versteckt sich hinter dieser falsch gestellten Frage
ein durchaus heißes Eisen, das auch heute noch – wieder – zu
gesellschaftlichen Zerwürfnissen führen kann, wie die
Auseinandersetzungen zwischen Kreationisten und Darwinisten vor allem in
den USA zeigen. Auch im anthroposophischen Bereich prallen verschiedene
Standpunkte gelegentlich aufeinander. Letztlich geht es eben doch um die
Frage: Muss der Mensch sich mit einem tierischen Erbe auseinandersetzen?
Hat sein irdisch gewordener physischer Leib eine Evolution durchlaufen
und somit Anteil an der Entwicklung vom Niederen zum Höheren? Bei einem
»Bürger zweier Welten« ist die Beantwortung solcher Fragen nicht immer
so einfach, wie wir manchmal gerne glauben möchten.
Es gibt zwischen Mensch und Affe neben großen Gemeinsamkeiten
entscheidende Unterschiede, bis in die Physiologie hinein – dies
arbeitet Thomas Hardtmuth am Beispiel der Neuroimmunologie eindrucksvoll
heraus. Während Walther Streffer auf eine spannende Parallelentwicklung
zwischen Vögeln und Menschen bis in das Verhalten hinein aufmerksam
macht. Sie lässt Goethes Bemerkung zu Riemer verständlich werden: »Die
Götter haben im menschlichen Körper eine unmögliche Synthese geleistet:
Das Tier und den Menschen zu verbinden … Sie hätten auch den Vogeltypus
nehmen können«.
Christoph Hueck fasst das Entwicklungsgeschehen zusammen, indem er
seinen Blick auf das richtet, was sich in jedem Moment zwischen
Vergangenheit und Zukunft abspielt, zwischen Vererbung und Abstammung
auf der einen und dem urbildlichen Gestaltungspotential auf der anderen
Seite: Was in der Gegenwart als Ereigniss eintritt, muss sich in die
äußere Umgebung einpassen, und ist zugleich offen für einen autonomen
Impuls.
Die paläontologische Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich,
wie das Menschliche sich zuerst – und schon sehr früh – in den
Gliedmaßen bemerkbar macht, am aufrechten Gang. Während der Kopf erst zu
einem relativ späten Zeitpunkt menschliche Gestalt annimmt. An diese
Phänomene lässt sich mit den Ergebnissen der anthroposophischen
Geisteswissenschaft gut anschließen (Schad, Rosslenbroich, Stockmar).
Die Evolution kann also tatsächlich aus zwei Perspetiven betrachtet
werden, die beginnen, sich miteinander zu verweben.
Ihr Stephan Stockmar
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